Honduras-Delegation 2010

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Eine Delegationsreise zur Lage der Menschenrechte und der Demokratiebewegung nach dem Putsch
Aktualisiert: vor 1 Tag 8 Stunden

Selbstbestimmung und Selbstversorgung in Vallecito

Mo., 19. Sep. 22, 20:49 Uhr
Eine neu entstehende Gemeinde der afro-indigenen Garífuna in Honduras
Online-Veranstaltung Donnerstag, 29. September 2022, 19-20.30 Uhr (online)
Vallecito Honduras GarifunaKokosnüsse gehören zur traditionellen Ernährung der Garífuna.
Agraringenieur Idner Gutierrez bei der Ernte in Vallecito.
Quelle: HondurasDelegation (CC BY-NC-SA 4.0)


Die afro-indigenen Gemeinden der Garífuna leben mehrheitlich an der honduranischen Karibikküste. Ihre Sprache, Musik und Tänze wurden 2001 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Doch ihre Existenz ist bedroht: Auf ihrem traditionellen Land machen sich Ölpalm-Magnaten breit, ausländische Investor*innen errichten Luxus-Ferienressorts, Kartelle nutzen die Gegend als Umschlagplatz für Drogentransporte aus Südamerika in den Norden. Gleichzeitig lässt der fortschreitende Klimawandel die Küsten zunehmend erodieren und zerstört absehbar die Dörfer der Garífuna, die fast alle direkt an der Küste liegen. Für viele scheint der einzige Ausweg, sich auf den lebensgefährlichen Weg in Richtung USA zu begeben.
Doch vor allem die Garífuna, die sich organisiert haben, geben den Kampf für ihre Rechte und ihr Land nicht auf. Eine ihrer Strategien sind die sogenannten recuperaciones, Landrückgewinnungs-Projekte. Das größte Projekt dieser Art ist die Gemeinde Vallecito. Seit 10 Jahren bauen Freiwillige aus verschiedenen Garífuna-Dörfern auf dem zurückgewonnenen Land eine Gemeinde auf. Auf ca. 1.500 Hektar schaffen sie Strukturen für eine ökologische Selbstversorgung und Ernährungssouveränität auf Basis der traditionellen Ernährung. Im Moment leben 52 Bewohner*innen dort. Miete muss keine*r zahlen und gegessen wird in der Gemeinschaftsküche. Für die jüngeren Bewohner*innen steht die Sprache Garífuna auf dem Lehrplan der kleinen Dorfschule. In Vallecito entsteht so eine Alternative zur Migration in die USA und gleichzeitig wird die Kultur der Garífuna am Leben erhalten.
Jutta Blume und Steffi Wassermann berichten von ihrem Besuch in Vallecito im August 2022 und Idner Gutierrez spricht über die Ansätze der ökologischen Selbstversorgung und die damit einhergehenden Herausforderungen.

Online-Veranstaltung mit:Idner Gutierrez Agraringenieur in Vallecito (OFRANEH)Jutta Blume & Steffi Wassermann (Solidaritätsgruppe CADEHO und HondurasDelegation)
Bitte um vorherige Anmeldung.Zugangsdaten werden im Vorfeld der Veranstaltung verschickt: trautmann@naturfreunde.de
Veranstalter: 

ERKLÄUNG DER GARIFUNA-GEMEINDE VON PUNTA GORDA, ISLAS DE LA BAHIA, ROATAN

So., 18. Sep. 22, 18:29 Uhr
Punta Gorda, 12. September 2022

Hiermit teilen wir der nationalen und internationalen Gemeinschaft mit, dass die Garífuna-Gemeinde von Punta Gorda in Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts am 3. September 2022 mit der WIEDERANEIGNUNG eines Stück Landes am Eingang unserer Gemeinde begonnen hat, das Teil unseres angestammten Territoriums ist. Dieses wurde von Dritten in Absprache mit der Stadtverwaltung und anderen mächtigen Gruppen, die die Insel kontrollieren und die systematische Enteignung unseres Territoriums fortsetzen wollen, widerrechtlich angeeignet.
Die Gemeinde Punta Gorda wurde von den Vorfahren der Garífuna am 12. April 1797 gegründet, also noch vor der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung (1821) und lange vor der Abtretung der Bay Islands an die Republik Honduras (22. April 1861), und war damit die erste Garífuna-Gemeinde auf mittelamerikanischem Boden.

Wir sind keine Eindringlinge, wir holen uns zurück, was uns gehört, was uns schon immer gehörte und was niemals von Dritten in böser Absicht unterschlagen werden sollte. Die Tatsache, dass sie Steuern für unser Territorium zahlen, macht sie nicht zu Eigentümer*innen. Im Gegenteil, sie (die Dritten) und die Behörden, die sich der widerrechtlichen Aneignung schuldig gemacht haben, sind verantwortlich für die Verletzung der Rechte des kollektiven Eigentums und der Autonomie der Garífuna.

Wie von der IACHR, dem Interamerikanischen Gerichtshof und der ILO-Konvention 169 festgestellt, haben die Garífuna Eigentums- und Besitzrechte an dem Land und den Ressourcen, die sie seit jeher bewohnen, und daher das Recht, als rechtmäßige Eigentümer*innen ihres Territoriums anerkannt zu werden.

Wir verurteilen die Einschüchterungen durch die für die Insel zuständige Nationale Polizei und wir verurteilen auch die Desinformation, Diskreditierung und Aufstachelung zum Hass gegen die Garifuna-Gemeinschaft, die von dem Journalisten RIGOBERTO TORRES vom lokalen Medium der Insel ROATAN HABLE CLARO initiiert wurde, der im Namen der Meinungsfreiheit durch seine gekauften Sprachrohre das Leben der Kinder der Garifuna-Gemeinschaft von Punta Gorda gefährdet.

Die Asamblea der Gemeinschaft, die höchste Autorität, bestätigt ihre vollständige und bedingungslose Unterstützung des Widerstands und des Kampfes der Gemeinschaft für die Wiederaneignung des angestammten Territoriums und ernennt die Gruppe der Rastas zum Komitee für die Verteidigung des Landes von Punta Gorda.

Wir bekräftigen unseren Aufruf und unsere Bitte um Unterstützung, Begleitung und Vertretung der Organización Fraternal Negra Hondureña (OFRANEH) und rufen Menschenrechtsverteidiger*innen, nationale und internationale Solidaritätsorganisationen und die Garífuna im Allgemeinen dazu auf, unseren Kampf für die Verteidigung unseres angestammten Territoriums zu unterstützen.

#Ohne Territorium gibt es keine Identität!

#Das Land der Garifuna ist keine Ware, es wird nicht verliehen, vermietet, verkauft oder gekauft!

Erklärung von OFRANEH

Mi., 24. Aug. 22, 16:30 Uhr

Am Mittwoch, dem 24. August 2022, haben wir erneut den weiten Weg auf uns genommen und sind aus verschiedenen Garífuna- und anderen indigenen Gemeinden in die Hauptstadt Tegucigalpa gekommen. Wir machen von unserem legitimen Recht Gebrauch, Rechtsgarantien und Rechtsschutz für unsere Gemeinden zu fordern, indem wir Rechtsmittel gegen den Generalstaatsanwalt und den stellvertretenden Generalstaatsanwalt einreichen, weil sie es unterlassen haben, das Verbrechen des gewaltsamen Verschwindenlassens gegen die Garífuna aus Triunfo de la Cruz zu untersuchen.

Am 9. August haben wir uns vor der Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Generalstaatsanwalt Oscar Chinchilla und Daniel Arturo Sibrián Buseo als stellvertretendem Generalstaatsanwalt versammelt, um eine Antwort und erkennbare Fortschritte bei der Untersuchung des gewaltsamen Verschwindenlassens des Präsidenten des Patronato der Garífuna-Gemeinde Triunfo de la Cruz, Sneider Centeno, und drei weiterer Männer aus derselben Gemeinde zu fordern. Die Antwort, die wir erhielten, war wie immer eine Verhöhnung und eine notorische Missachtung des Lebens der Garífuna. Sie manifestierte sich in den wiederholten Aufrufen zu Hass und Gewalt durch den stellvertretenden Generalstaatsanwalt über seinen Twitter-Account, in Schikanen und Kriminalisierungsmaßnahmen gegen die Opfer selbst und ihre Vertreter. Ein dreister Versuch, diejenigen zu bestrafen, die Rechenschaft fordern.

Die Generalstaatsanwaltschaft erkennt weder das legitime und gewohnheitsmäßige Recht von OFRANEH und SUNLA an, den Schutz der Menschenrechte von indigenen und afro-indigenen Gemeinschaften in Honduras zu gewährleisten noch die für das Verschwindenlassen Verantwortlichen zu ermitteln, zu verfolgen und zu bestrafen. Im Gegenteil, der Generalstaatsanwalt hat in einem schamlosen Akt der Verfolgung, Schikanierung und Kriminalisierung – der den institutionalisierten Rassismus innerhalb der Generalstaatsanwaltschaft beweist – die Staatsanwaltschaft für allgemeine Verbrechen (fiscalia contra delitos comunes) und die ATIC angewiesen, eine böswillige und voreingenommene strafrechtliche Untersuchung gegen Miriam Miranda, Generalkoordinatorin von OFRANEH, Luther Castillo, derzeitiger Minister für Wissenschaft und Technologie, und Edy Tábora, Anwalt von OFRNEH, einzuleiten.

Wir rufen die auf nationaler und internationaler Ebene engagierte Bevölkerung, Verbündete, solidarische Organisationen und Regierungen auf, die Forderung nach Gerechtigkeit und einem Ende der Kriminalisierung der Führungspersonen unserer Organisation aufrechtzuerhalten.

Wir stellen klar, dass der Staat für die Welle von Gewalt verantwortlich ist, die gegen die Anführer*innen unserer Gemeinden verübt wird. Es sind Mechanismen des Drucks und der Schikane mit dem Ziel, unsere Territorien zu entvölkern und zu enteignen, was zu einer massiven Migration der Garifuna geführt hat. Auf diese Weise wird unser Land denen, die im Drogengeschäft involviert sind, überlassen, die bereits heute alle unsere Gemeinden kontrollieren.

Wir verurteilen diese rassistischen Handlungen und bekräftigen unsere Forderung nach Gerechtigkeit für das gewaltsame Verschwindenlassen von Alberth Centeno Tomas, Suami Mejía García, Gerardo Róchez Cálix und Milton Martínez Álvarez. Wir fordern die Einrichtung einer Sonderstaatsanwaltschaft gegen Gewaltsames Verschwindenlassen sowie die sofortige Umsetzung die Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte zugunsten der Gemeinden Punta Piedra und Triunfo de la Cruz, deren angestammtes Territorium von Dritten unter dem Schutz (tutela) des honduranischen Staates widerrechtlich an sich gerissen wird.

 

Mit der Kraft unserer Vorfahr*innen Barauda und Satuye

#Stoppt die Kriminalisierung der Führungspersonen der Garífuna
#Lebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück
#Ohne Territorium gibt es keine Identität und keine Garífuna
#Für Leben und Territorium, Gerechtigkeit und Wahrheit für die Garifuna

Gemeinsame Erklärung von: OFRANEH, SUNLA,  Red Nacional de Defensoras de Derechos Humanos an Honduras, Bufete Justicia para los Pueblos



Tegucigalpa, 24. August

Mi., 24. Aug. 22, 11:20 Uhr
Delegationsbericht 9Die letzten Tage unserer Reise haben wir mit politischen Hintergrundgesprächen in der Hauptstadt verbracht. Nach unserer Zeit an der Küste, der Zeit in den dörflichen Gemeinden, fällt es uns schwer, uns durch Lawinen hupender Autos und von Dieselruß getränkte Luft zu bewegen. An diesem, allerletzten Tag führt unser Weg erneut ins Gewerkschaftshaus der STIBYS, wohin wir die Aktivist*innen aus den Garífuna-Gemeinden bereits vor zwei Wochen begleitet hatten und von wo aus am 9. August über 500 Menschen aus den indigenen Gemeinden zum Protest vor der Generalstaatsanwaltschaft (Ministerio Público) aufgebrochen waren. Dort wollten sie endlich Antworten vom Generalstaatsanwalt Oscar Chinchilla erhalten, Antworten über den Verbleib der vier Gemeindemitglieder aus Triunfo de la Cruz, die vor mehr als zwei Jahren gewaltsam Verschwindengelassen wurden, Antworten zu den Verantwortlichen des Verschwindenlassens, Antworten, wie die Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte von 2015 bezüglich der Gemeinden Triunfo de la Cruz und Punta Piedra endlich umgesetzt werden sollen. Doch die Antwort aus dem Ministerio Público war eine sofortige Kriminalisierung der Garífuna und ihrer Alliierten. Am 17. August wurden auf Betreiben der Generalstaatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die Koordinatorin von OFRANEH, Miriam Miranda, gegen den Anwalt Edy Tábora und gegen den Wissenschaftsminister Luther Castillo aufgenommen, vorgeworfen wird ihnen die Störung der öffentlichen Ordnung und Freiheitsberaubung (https://amerika21.de/2022/08/259672/honduras-justiz-gegen-garifunaaktivisten).


Vor dem Obersten Gerichtshof
Heute morgen begegnen wir vielen der Aktiven von OFRANEH wieder, die wir unterwegs in den Gemeinden kennengelernt haben und trotz des ernsten Anlasses freuen wir uns, uns noch einmal in die Arme schließen zu können. Auch Vertreter*innen der anderen indigenen Gruppen sind erneut angereist. Vom STIBYS setzt sich eine Demonstration in Richtung des Obersten Gerichtshofs in Bewegung. Die Tore des Gerichts finden die Demonstrierenden vorsorglich verschlossen, das Gebäude von Polizei bewacht. Wie bei fast allen politischen Aktionen sind die Garífuna mit Trommeln, Maracas und Weihrauch bewaffnet und halten zum Auftakt der Kundgebung eine Zeremonie ab. Eine Delegation wird schließlich ins Gerichtsgebäude vorgelassen, wo sie einen „recurso de amparo“ gegen den Generalstaatsanwalt Oscar Chinchilla und seinen Stellvertreter Daniel Arturo Sibrián Bueso präsentieren. Ein „recurso de amparo“ ist ein Rechtsmittel, das sich auf die Verletzung von Grundrechten bezieht. OFRANEH wirft der Staatsanwaltschaft darin die Unterlassung von Ermittlungen im Fall des gewaltsamen Verschwindenlassens der vier Männer aus Triunfo de la Cruz vor.Nach kurzer Zeit verlässt die Delegation wieder das Gerichtsgebäude und nach einer Abschlusszeremonie laufen alle gemeinsam zurück zum Gewerkschaftshaus. Wir müssen uns an dieser Stelle verabschieden, um unseren Bus nach San Pedro Sula zu erwischen. Wie der Oberste Gerichtshof mit dem recurso de amparo umgehen wird, werden wir nun wieder von Deutschland aus, aber deswegen nicht weniger aufmerksam verfolgen.


Roatán, 20. August

Di., 23. Aug. 22, 7:29 Uhr

Delegationsbericht 8

Nach einer Nacht in La Ceiba begeben wir uns morgens an den Fährterminal auf die Insel Roatán. Etwas erschrocken erblicken wir die große Menschentraube vor dem Eingang. Es stellt sich heraus, dass am heutigen Freitag Morgen ungewöhnlich viele Tourist*innen auf die Insel unterwegs sind und deswegen zwei Fähren hintereinander eingesetzt werden. Etwas erschrocken sind wir auch über die Ticketpreise, die uns für hiesige Einkommen nahezu unerschwinglich erscheinen. Nach zwei Stunden Geschaukel auf der Fähre haben wir wieder festen Boden unter den Füßen und werden von Melissa Martínez aus der Gemeinde Punta Gorda empfangen. Unsere erste Station ist aber die Gemeinde Crawfish Rock, deren Vertreterinnen wir in den letzten Jahren schon auf dem Bildschirm in diversen Online-Konferenzen zu den honduranischen Privatstädten ZEDE kennengelernt haben. Das Dorf mit rund 600 Einwohner*innen grenzt unmittelbar an das Gebiet der ZEDE Próspera, von der die Menschen hier im Jahr 2020 erstmals erfahren haben. In den vergangenen Jahren haben wir aus der Gemeinde immer wieder Befürchtungen gehört, dass die Menschen enteignet werden könnten, damit ihre Grundstücke dem Gebiet von Próspera einverleibt werden können (https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/privates-paradies/). Bereits auf der Anfahrt bemerken wir einige Bauarbeiten für Próspera. Die steile Straße, die den Hafen an der Südküste mit unserem Ziel an der Nordküste verbindet, ist im Mittelteil frisch asphaltiert, der Rest ist weiterhin unbefestigt und buckelig. Ein Tor zur Rechten trägt das Logo von Próspera und ein Stück weiter lässt sich im Tal eine Großbaustelle erkennen.

Blick auf die Großbaustelle der ZEDE Próspera

Crawfish Rock liegt direkt am Meer. Der zentrale Platz mit seinen Holzbauten auf Stelzen ist bereits ein gewohntes Bild aus diversen Reportagen und sozialen Medien. Im Schatten ihres ebenfalls auf Stelzen stehenden Hauses empfängt uns die Vizepräsidentin des Patronatos von Crawfish Rock, Venessa Cardenas. Nebenan wird gerade eine kleine Kirche für eine Großveranstaltung vorbereitet, die am späteren Nachmittag stattfinden soll. Deswegen hat Venessa Cardenas auch nicht so lange Zeit für uns. Aber Zeit hat sie sowieso kaum, erfahren wir, sie arbeitet in zwei Jobs, hinzu kommt die ehrenamtliche Arbeit für den Gemeinderat und das Engagement gegen die ZEDE. Dass die ZEDE wirklich vom Tisch sind, nachdem der Kongress das entsprechende Gesetz der Vorgängerregierung außer Kraft gesetzt hat, wollen weder Venessa Cardenas noch Melissa Martinez so recht glauben. Jedenfalls verhalten sich die Investoren von Próspera nicht so, als hätte sich die rechtliche Situation für sie geändert: Die Bauarbeiten schreiten fort, ein großer Teil des Strandes ist für die Menschen aus Crawfish Rock nicht mehr zugänglich und es gibt Informationen, dass sich angrenzende Hotelkomplexe der ZEDE angeschlossen haben. Dem nicht mehr gültigen ZEDE-Gesetz zufolge hatten Grundstückseigentümer*innen die Möglichkeit, sich mit ihrem Land einer ZEDE anzuschließen, dafür musste das Grundstück nicht einmal unmittelbar angrenzen. Auf diesen sollte dann ebenfalls die Charta – eine Art Verfassung – der jeweiligen ZEDE gelten. Die beiden Frauen beklagen auch, dass für Próspera Bäume abgeholzt wurden, die eigentlich schützenswert wären und dass die Verwaltung von Roatán dem nicht Einhalt geboten hätte. Befürchtungen lösen auch mutmaßliche Pläne für einen Anleger für Kreuzfahrtschiffe aus. Für ein solches Projekt würde zum einem das Korallenriff vor der Insel erheblich beschädigt, zum anderen wäre der gesamte Küstenabschnitt von Crawfish Rock verbaut. Momentan ist unbekannt, ob solche, in der Vergangenheit bereits gesehene Pläne noch weiter verfolgt werden. Von vorne bis hinten verstößt das Projekt der ZEDE Próspera gegen die Konvention 169 der ILO, denn Crawfish Rock ist eine indigene Gemeinde, die von englischsprachigen Schwarzen bewohnt ist – eine Gruppe, die von Versklavten unter ehemals britischer Herrschaft abstammt und auf der Insel ihre eigene Kultur entwickelt hat. Konsultationen gab es aber weder zur Ausweisung der ZEDE Próspera noch zu deren konkreten Projekten.

Venessa Cardenas
kämpft für den Erhalt ihrer Gemeinde Crawfish Rock
Zur schlimmsten Zeit der Pandemie hätten einige Leute aus der Gemeinde für Próspera gearbeitet, erzählt Venessa Cardenas, weil es im Lockdown überhaupt keine Arbeit mehr auf der Insel gab. Mittlerweile würde aber niemand mehr für Próspera arbeiten, die Leute aus der Gemeinde stünden nahezu geschlossen gegen das Projekt. Jetzt hätten sie große Hoffnungen in die neue Regierung, dass sie die Abschaffung der ZEDE wirklich durchsetzt, doch auch die Skepsis bleibt. So diskutieren die beiden Frauen von der Insel zum Abschluss des Treffens noch mögliche Protestaktionen für die Zukunft.
Große Teile des Strandes wurden von Próspera privatisiert

Vom Strand aus noch einen kurzen Blick auf das erste von Próspera errichtete Gebäude werfen, eine imposante Villa mit Meerblick. Es ist schwer, sich hier statt der grünen Hügel eine ganze neue Stadt vorzustellen, doch so weit wird es hoffentlich nicht kommen.

Dann fahren wir Richtung Osten nach Punta Gorda, zur ersten und einzigen Garifuna-Gemeinde auf Roatán, wie Melissa betont. Auf dem Weg kommen wir an einer seltsamen Touristenattraktion vorbei: Ein riesiges nachgebautes Piratenschiff steht am Straßenrand auf einer Wiese. Über den Eingang wurde ein großer Totenkopf gemalt. Es wirkt, als würde sich eine Geisterbahn darin verbergen. Gespenstisch still ist es darum herum: keine Besucher*innen scheinen sich von der „Attraktion“ anlocken zu lassen. Später erfahren wir, dass der honduranische Staat das Schiff konfisziert hat, weil sein vorheriger Besitzer wegen Drogengeschäften verurteilt wurde.

Nach einer Weile erreichen wir den kleinen Fischerort Punta Gorda. Kleine bunte Häuser säumen die Straße, die sich am Meer entlangschlängelt. Wir fahren an einigen kleinen Restaurants und Bars vorbei. Hierhin verirren sich nur wenige der Tourist*innen. Lediglich am Sonntagnachmittag füllt sich Punta Gorda, da wird auf den Straßen bis in den Abend getrunken und gefeiert. Auch aus den Nachbargemeinden kommen die Leute, um hier den Sonntag zu verbringen. Da wir bereits am Samstag wieder abreisen, verpassen wir das Spektakel.

Mit Melissa Martínez unterwegs in Punta Gorda

Am Ende des kleinen Ortskerns erreichen wir unser Ziel: das Haus des Tees, la casa del té. Im Erdgeschoss des zweistöckigen Holzhauses eröffnete OFRANEH im März 2020 ein Zentrum für traditionelle Heilmethoden (casa de salud ancestral). „Das war damals eine schwierige Zeit,“ erzählt Melissa, „wir wussten wenig über COVID-19 und haben niemanden mehr in unsere Gemeinde gelassen. An beiden Zugängen haben wir Sperren errichtet, damit das Virus nicht durch Externe in unsere Gemeinde getragen wird.“ Im ersten Stock des Hauses hatte ein Arzt eine Praxis gehabt, aber zu Beginn der Pandemie das Handtuch geworfen, das nächste Krankenhaus ist eine Stunde entfernt. Also musste sich die Gemeinde selber helfen. Auch hier begannen deshalb vor allem die Frauen, sich das traditionelle Wissen über die heilende Wirkung von Pflanzen wieder anzueignen und kreierten daraus den Tee von Punta Gorda, der das Immunsystem gegen Corona stärkt. Er erlangte einige Berühmtheit. Irgendwann bat sogar das Krankenhaus um den Tee, um die Corona-Patient*innen, die dort lagen, zu stärken. Inzwischen werden auch Tees gegen Bluthochdruck und Diabetes gebraut.

Gleichzeitig wurde die casa del té zu einem sozialen Ort. Hier wurde für die Dorfbewohner*innen gekocht, die ihre Arbeit verloren hatten und die Frauen begannen, sich gegen die grassierende häusliche Gewalt, die während der Pandemie noch zugenommen hatte, zu engagieren. Andere Frauen wurden beraten, wie sich aus Gewaltsituationen befreien können. Die abgeschiedene Lage auf der Insel macht es schwierig, nötige Unterstützung zu bekommen, „also sind wir hier zu Müttern, Psychologinnen, Lehrerinnen, und Anwältinnen geworden,“ berichtet uns Melissa.

Und auch die Arbeit mit den Kindern spielt hier eine wichtige Rolle. Ihnen werden Traditionen der Garífuna vermittelt. Sie werden in Garífuna, im Trommeln und Singen unterrichtet. Wenn die Trommeln im Dorf erklingen, kommen viele Kinder, um dabei zu sein. Es waren schon mal 50 auf einmal wird uns erzählt.

Heilkräuter trocknen in der casa del té

Uns begegnen Probleme, die wir schon in anderen Gemeinden kennengelernt haben: auch in Punta Gorda wird den Garífuna immer mehr ihres traditionellen Landes geraubt. Ausländer*innen aus Nordamerika und ein honduranisches Unternehmen sind beteiligte Akteur*innen, die Aktiven der Gemeinde haben deshalb auch hier Wiederaneignungsprojekte begonnen. Im Gegensatz zu Projekten auf dem Festland ist die Mobilisierung auf Roatán aber schwierig: hier ist Unterstützung aus anderen Garífuna-Gemeinden fast unmöglich, da der Weg weit und die Fähre extrem teuer ist. Die Behörden vor Ort gehen gegen die Projekte massiv vor und viele Garífuna werden kriminalisiert. Melissa stellt aber klar, dass sie sich für legitime Rechte einsetzen: „Wir sind keine Invasor*innen, wir eignen uns das wieder an, was uns gehört.“

Weiterhin steht die Gemeinde vor dem Problem, dass der traditionelle Fischfang immer weiter erschwert wird. Vor der Küste von Roatán befindet sich das zweitgrößte Korallenriff der Welt. Wie viele andere Ökosysteme ist auch das Riff gefährdet und sein Schutz wichtig und sinnvoll. Zuständig dafür ist die Organisation Marine Park, die gemeinsam mit honduranischen Behörden in den Gewässern patrouilliert. Allerdings wird uns berichtet, dass es immer wieder zu Übergriffen auf Fischer kommt, die in ihren kleinen Booten ausfahren, um Fische für die Selbstversorgung oder ein bescheidenes Auskommen zu fangen. Ein 76-jähriger Fischer wurde von Marine Park aufgegriffen und ohne sein Boot hinter dem Riff zurückgelassen. Er musste mehrere Stunden schwimmen, um nach Punta Gorda zurückzukommen. Wir hören noch mehr von diesen skandalösen Geschichten. Zurecht fragt Melissa, wie es sein kann, dass niemand für die ökologischen Desaster durch den Bau von Kreuzfahrtanlegern belangt wird, die Fischfangflotten unbehelligt Langusten im großen Maßstab wegfischen können, aber kleine Fischer kriminalisiert werden? „Wir sind seit 225 Jahren hier und haben immer im Meer gefischt. Wir sind für die Zerstörungen nicht verantwortlich.“


Am Ende dieses langen Tages sind wir wieder mal beeindruckt von dem Engagement der Menschen und lassen den Abend in einer kleinen Bar bei einem Gläschen artesanal hergestellten Gifity ausklingen, eine Medizin der Garífuna, die aus verschiedenen Wurzeln gebraut wird.

Justiz in Honduras attackiert Garífuna-Aktivist:innen und Rechtsanwalt

So., 21. Aug. 22, 20:01 Uhr

 Von  amerika21

Miriam Miranda (am Mikrophon) vor dem Gebäude der StaatsanwaltschaftQUELLE:HONDURASDELEGATION

Tegucigalpa. Eine friedliche Demonstration im Gebäude der honduranischen Generalstaatsanwaltschaft am 9.August, dem Internationalen Tag der indigenen Völker, hat schwerwiegende Folgen für Miriam Miranda, die Koordinatorin der afro-indigenen Organisation Ofraneh, und den Menschenrechtsanwalt Edy Tábora.

Etwa 300 in Ofraneh-Mitglieder aus Gemeinden an der Karibikküste sowie Unterstützer:innen aus anderen indigenen Gemeinden sowie von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen demonstrierten vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft um effektive Ermittlungen im Fall der im Juli 2020 in der Gemeinde Triunfo de la Cruz verschleppten vier jungen Garífuna zu fordern (a21 berichtete).

Ofraneh wirft den Behörden Untätigkeit, Ineffizienz und Komplizenschaft mit den Tätern vor und verlangt seit über einem Jahr vergeblich die Einrichtung einer Sonderstaatsanwaltschaft gegen gewaltsames Verschwindenlassen.

Weitere jahrelange Forderungen betreffen genau die Anliegen, die auch von den Opfern des gewaltsamen Verschwindenlassens vertreten wurden: Die vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte bereits in einem Urteil von 2015 verlangte Rückgabe von Gemeindeland an die Garífuna. Auf deren angestammten Territorien machen sich Tourismusressorts, Palmölbarone, Viehzüchter, Villenbesitzer:innen und Drogenbosse breit, ohne dass der Staat bisher dagegen eingeschritten wäre.


Da es auch diesmal keinerlei Gesprächsangebot des Generalstaatsanwaltes Oscar Chinchilla gab, enterte ein Teil der Demonstrierenden das Gebäude und harrte zwei Stunden lang auf den Treppen und Gängen aus, um ? unterstützt von den traditionellen Trommeln der Garífuna ? Gehör zu finden.

Die Antwort waren zunächst Tweets des stellvertretenden Generalstaatsanwaltes Daniel Sibrían Bueso, in denen strafrechtliche Ermittlungen angekündigt wurden. Am 17. August wurden diese von Amts wegen aufgenommen. Die Anschuldigung lautet: Störung der öffentlichen Ordnung und Freiheitsberaubung. Letztere wird mit mehrjährigen Gefängnisstrafen geahndet, denen bis zu 18-Monate Untersuchungshaft vorausgehen können.

Die Kriminalpolizei erhielt den Auftrag, gegen Miranda, den angesehenen Menschenrechtsanwalt und früheren Staatsanwalt Tábora und den aktuellen Wissenschaftsminister Luther Castillo, zu ermitteln. Nicht bekannt ist derzeit, ob und inwieweit auch gegen weitere Personen, Organisationen oder ganze Gemeinden Ermittlungen angestrengt werden.

Die Attacke der Generalstaatsanwaltschaft sorgt landesweit und international für Empörung. Das Hochkommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen äußerte sich besorgt und rief den Staat dazu auf, Menschenrechtsverteidiger:innen nicht wegen ihrer Arbeit zu kriminalisieren.

UN-Repräsentantin Alice Shackelford bezeichnete die Arbeit der Beschuldigten als "fundamental für den Aufbau eines Rechtsstaates in Honduras".

Mitglieder der Hondurasdelegation, die die Protestaktion vor Ort beobachtet haben, vermuten hinter den aktuellen Kriminalisierungsversuchen einen Machtkampf der noch vom Ex-Präsidenten Juan Orlando Hernández besetzten Generalstaatsanwaltschaft mit der Regierung der linken Präsidentin Xiomara Castro, die seit Januar im Amt ist. Zudem könnte die Behörde damit von ihren eigenen Verstrickungen in die Machenschaften von Hernández und seinen Verbündeten ablenken wollen.

Miriam Miranda war 2019 mit dem Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet worden. 2022 erhielt sie den US-amerikanischen Letelier-Moffitt-Menschenrechtspreis.

ofraneh im-defensoras criterio copinh oacnudhhn aliceshackel

Recuperación Wabato, 17. und 18. August

So., 21. Aug. 22, 10:49 Uhr
Delegationsbericht 7Am Morgen, in aller Frühe, findet unser Abschied von Vallecito statt. Gegen sechs wartet der Fahrer auf uns, um uns nach Trujillo zu bringen. Wir sind gespannt, da uns einige interessante Projekte erwarten: das Wiederaneignungsprojekt Wabato, eine Herberge für Personen der LGBTI-Community und ein Zentrum für traditionelle Heilmethoden (casa de salud ancestral). Nach zweieinhalbstündiger Fahrt erreichen wir an der Stadtgrenze von Trujillo, nur wenige Schritte vom Strand entfernt, die recuperación Wabato. An einem großen Haus vorbei geht es in den Garten. Dort sehen wir gleich eine Küche und dahinter viel Grün. Hier werden wir von Mario Solórzano und seinen Mitstreiter*innen begrüßt. Mario ist hier der Koordinator und momentan Präsident des patronato von Trujillo. Bevor wir uns das Gelände genauer anschauen, stärken wir uns bei einem leckeren Kaffee, den wir bei unserem Aufbruch in aller Frühe nicht mehr trinken konnten. Und schnell wird uns klar, in Wabato befinden sich auch alle anderen Projekte, die wir heute kennenlernen wollen.
Mario Solórzano am Strand von Trujillo

Die Leute von Wabato erzählen, dass der Ort seit 2019 von einer Gruppe von mehreren Dutzend Garífuna wieder in Besitz genommen wurde, basierend auf einem Landtitel von 1901, den der damalige Präsident Manuel Bonilla den Garífuna an der Bucht von Trujillo ausgestellt hatte. 2019 galten als die offiziellen Besitzer*innen des Grundstücks Leute aus dem Ausland, vermutlich aus Nordamerika, wie auf unzähligen anderen Grundstücken in dieser Gegend. Die Aktiven gaben ihnen Zeit, zu beweisen, dass sie die rechtmäßigen Besitzer*innen sind. Als dies ausblieb „sind wir mit unseren Trommeln und maracas gekommen, mit der Kraft unserer Ahn*innen und haben das Gebiet wieder in Besitz genommen,“ erzählt uns Mario. Am Anfang kam immer wieder die Polizei, um die Wiederaneignung zu stoppen. Inzwischen ist es ruhiger. Mario musste für diesen friedlichen Akt der Wiederaneignung aber einen hohen Preis zahlen. Gemeinsam mit seiner Schwester wurde er im März 2021 festgenommen und saß gemeinsam mit ihr mehrere Tage im Gefängnis. Vorgeworfen wurde ihnen u.a. Land-Usurpation. Bis heute muss er sich alle 15 Tage bei der lokalen Polizeistelle melden und darf Wabato nicht betreten. Er lässt sich aber nicht davon abhalten, sich für den Aufbau des Projekts zu engagieren.

Ein Teil des Landes wurde parzelliert, um jungen Menschen, Personen der LGBTI-Community und alleinerziehenden Frauen ein Stück Land zur Verfügung zu stellen, um dort ein kleines Feld zu bestellen. Auf einem anderen Teil wird für die Gemeinschaft produziert, gerade werden Kokospalmen aus Vallecito herangezogen und bald soll hier auch Mais wachsen. Einige Elemente des Zusammenlebens sind von Vallecito inspiriert, wie die Gemeinschaftsküche, wo im traditionellen Holzofen für alle Essen gekocht wird. Bei unserem Besuch werden wir mit leckerem Fisch und allerlei Gemüse verköstigt. Auch fällt auf, dass es hier wenig Müll gibt. Die Leute von Wabato versuchen, so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren.

In Wabato werden Lebensmittel wie Bananen angebautDoch in Wabato gibt es noch einiges mehr. Hinter den Parzellen sehen wir drei Häuser, die in der traditionellen Bauweise der Garifuna gebaut wurden. Hier wird bald das casa de salud ancestral eröffnet. Bis dahin werden Hausbesuche gemacht und direkt vor Ort der traditionelle Tee verteilt sowie Blutzucker und Bluthochdruck gemessen. Diabetes und Bluthochdruck sind sehr verbreitete Krankheiten in den Garífuna-Gemeinden. Um die Häuser wachsen schon einige Sträucher mit heilender Wirkung. Tita, die hier die Expertin der Heilpflanzen ist, macht eine kleine Führung durch das Gelände und lässt uns an verschiedenen duftenden Kräutern riechen und erklärt uns die Wirkung der unterschiedlichen Pflanzen.casas de salud ancestral in der recuperación Wabato
Eine weitere Besonderheit ist hier der Fokus auf die LGBTI-Community. Einige von denen, die das Projekt maßgeblich stemmen, gehören der Community an. In dem Haus, das bereits vor der Rückgewinnung auf dem Gelände stand, ist ein Zimmer für Angehörige der Community vorgesehen, die sich in komplizierten Lebenslagen befinden. Entstanden ist diese Idee bereits 2016, doch während der Pandemie, als viele aus der Community ohne jegliche Unterstützung dastanden, wurde die Notwendigkeit für einen solchen Ort nochmal deutlicher. Auch in La Ceiba und San Pedro Sula wurden Herbergen eröffnet. Zu den schlimmsten Zeiten der Pandemie waren zehn bis 15 Personen in jeder Herberge, heute sind es weniger.

Auch Cinia ist Teil von Wabato, eine junge indigene Pech, die schon seit acht Monaten hier ist. Sie wurde durch Treffen, die von OFRANEH organisiert wurden, darauf aufmerksam, dass es eine Gruppe von LGBT-Aktivist*innen innerhalb der Organisation gibt und hat sich ihnen angeschlossen. Neben ihr sitzt ein noch jüngerer Freund, der gerade in einer persönlichen Orientierungsphase ist und den sie eingeladen hat, Wabato und die compas dort kennenzulernen. „Wo wir herkommen, gibt es viele mit einer anderen sexuellen Orientierung,“ erzählt uns Cinia, „aber viele trauen sich nicht, dazu zu stehen, weil sie Angst davor haben, was die Leute sagen und dass sie diskriminiert werden.“ Wir sind beeindruckt von dem Mut der jungen Leute und von dem Ansatz, dass in Wabato explizit auch Menschen anderer indigener Gemeinschaften eingeladen sind, mitzumachen.

Wabatos Grenze liegt nur wenige Meter vom Strand entfernt. Davor schiebt sich eine Reihe von Privatgrundstücke mit exklusivem Meerblick. Zumindest ein schmaler Weg zwischen zwei der Grundstücke bietet noch einen Strandzugang für die Garífuna. In manchen Gebieten der Bucht von Trujillo ist noch nicht einmal mehr das geblieben. Mit einigen compas gehen wir an den Strand, um uns in der Mittagshitze etwas abzukühlen. Am Strand finden wir viele leckere Meertrauben, deren Gehölze gleichzeitig die Erosion der Küsten aufhalten. Trotzdem ist der Küstenstreifen sehr schmal, viel bleibt nicht mehr vom Strand übrig. Auch hier zeigt der Klimawandel seine Wirkung.

Die Garífuna sagen dem Meer heilende Wirkung nach. Bereits in Vallecito haben wir gelernt: „Hast du eine Erkältung, dann musst du ans Meer.“ Glücklicherweise ist keine*r von uns krank und wird es dank des Meeres auch hoffentlich so schnell nicht werden.

Kommuniqué - Kriminalisierung von Menschenrechtsverteidiger*innen in Honduras

Fr., 19. Aug. 22, 21:55 Uhr
Wenn das Einfordern von angestammten Rechten eine Straftat wird

An die Bevölkerung von Honduras

An die internationale Öffentlichkeit

Am 9. August, dem internationalen Tag der indigenen Völker, haben wir,  eine Delegation  mehrerer indigener Gemeinschaften und der Garífuna - zusammen mit Aktivist*innen anderer sozialer Bewegungen und aus anderen Ländern - uns in Tegucigalpa versammelt, um unsere gemeinsame Stimme zu erheben und Gerechtigkeit zu fordern.

Mit einer Aktion in der Generalstaatsanwaltschaft machten wir deutlich, dass wir es satt haben und ermüdet sind, dass ein Staat, der für das Wohlergehen und die Sicherheit der Bevölkerung sorgen sollte, sich gleichgültig zeigt und sogar in vielen Fällen unsere grundlegenden Rechte verletzt. Wir sind abhängig vom Justizsystem, jedoch ist es unser legitimes Recht als Bürger*innen dieses Landes für unsere Territorien und das Leben in unseren Gemeinden zu kämpfen. Aus diesem Grund sagen wir deutlich, dass wir friedliche Menschen sind, jedoch weiteren Missbrauch und Ungerechtigkeit nicht mehr hinnehmen werden.

Wir verurteilen, dass der stellvertretende Generalstaatsanwalt Sibrian Bueso im Namen der Generalstaatsanwaltschaft die Polizei aufforderte, uns aus dem Gebäude zu räumen und uns drohte, ein Strafverfahren gegen die anwesenden Personen einzuleiten. Wir fordern, dass die Todesfälle, das Verschwindenlassen und die Angriffe auf die indigenen Gemeinschaften in ihren Territorien genauso schnell untersucht werden, wie die anwesenden Führungspersonen kriminalisiert werden.

Am 17. August 2022 bestätigten die Staatsanwaltschaft für allgemeine Straftaten und die Ermittlungsbehörde ATIC, dass eine strafrechtliche Untersuchung gegen Miriam Miranda, Koordinatorin von OFRANEH; Luther Castillo, derzeitiger Minister für Wissenschaft und Technologie und den Anwalt unserer Organisation Edy Tábora eingeleitet worden ist. Es gibt auch Informationen, dass Ermittlungen gegen andere führende Persönlichkeiten, die an der Aktion teilgenommen haben, eingeleitet wurden - ein beschämender Akt der juristischen Verfolgung.

Wir möchten noch einmal klarstellen, dass die Generalstaatsanwaltschaft sich irrt, wenn sie glaubt, uns mit diesen Kriminalisierungsmaßnahmen einschüchtern zu können. Wir werden weiterhin für die Rückgabe unserer angestammten Rechte kämpfen. Wir fordern Ermittlungen zum Verbleib unserer Garífuna-Compañeros aus Triunfo de la Cruz. OFRANEH hat Mechanismen vorgeschlagen, aktiv an dieser Untersuchung teilzunehmen, zum einen durch das SUNLA-Komitee und zum anderen durch die Schaffung einer Sonderstaatsanwaltschaft für Fälle gewaltsamen Verschwindenlassens.

Mit der Kraft von Barauda und Satuye

Aura Buni, Amürü Nuni

18. August 2022, La Ceiba, Atlántida



Punta Piedra, 18. August

Do., 18. Aug. 22, 21:59 Uhr
Delegationsbericht 6

Heute holpern wir durch Palmölplantagen in Richtung Osten und gelangen nach etwa einer Stunde in den kleinen Küstenort Punta Piedra. Hier ist vieles anders als bei unseren bisherigen Besuchen. Wir machen keinen Spaziergang durch den Ort und erst recht nicht zu den von Dritten besetzten Landstücken, die der Garífuna-Gemeinde als traditionelles Gebiet zustehen. 2015 hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den honduranischen Staat verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sie an die Gemeinde zurückgegeben werden. Auch Entschädigung für einen Mord soll es geben.

Palmöl-Monokultur


Drei Männer und sechs Frauen haben sich in einem winzigen, türkisfarbenen Haus hinter der Kirche versammelt, um uns zu berichten. „Keine Namen und keine Fotos“, wird uns bedeutet. Das Thema ist auch hier: Sieben Jahre sind seit dem Urteil vergangen und nichts ist geschehen.

Die Nachbarn, die weiter ihre Rinder auf dem Territorium der Garífuna weiden lassen und offenbar gerne auch mal bewaffnet durchs Dorf laufen, sind nah und die Anspannung ist spürbar. „Wenn ich auf meine Parzelle zum Arbeiten gehe, können sie mir jeden Moment was antun“, berichtet der Präsident des Patronato. Er verheimlicht nach Möglichkeit sogar, dass er dieses Amt innehat, um sich nicht unnötig zu exponieren. „Glaubt mir, das hier ist kein Leben mehr,“ seufzt eine ältere Frau. Früher habe man auf den steilen Hängen über der Gemeinde Reis angebaut, das sei nun nicht mehr möglich. 1993 wurde ein großer Teil der Gemeindefläche von Externen besetzt. Seither müssen fast alle Nahrungsmittel gekauft werden. Wer keine Familienangehörigen in den USA hat, kann das kaum mehr schaffen. Der Preis für Reis hat sich in den letzten Monaten verdreifacht. Das angestammte Territorium der Gemeinde umfasst 2.300 Hektar, erfahren wir, doch tatsächlich verfügt sie seit langem nur über 800 davon. Bei den Invasoren handelt es sich überwiegend um Großgrundbesitzer, die auf der Fläche Rinder halten, sich aber auch „illegalen Aktivitäten“ widmen. Das Wort Drogenhandel will den Mitgliedern des Patronato nur schwer über die Lippen, denn die Drogenhändler sind „angesehene Leute“, besser man hält Distanz zu ihnen. Gefährlich könne es werden, wenn diese ein Grundstück von einer Person haben wollten und diese sich weigern würde, es ihnen zu verkaufen. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat auch Schutzmaßnahmen für Punta Piedra angeordnet, aber davon sei wenig zu spüren. Auch was die im Ort stationierten Polizist*innen tun, außer manchmal mit dem Auto hin- und herzufahren, ist den Anwesenden nicht recht klar. Um sich für die Umsetzung des Urteils stark zu machen, war eine Abordnung von ihnen mit bei der großen Demonstration in Tegucigalpa am 9. August. „Wir vertrauen darauf, dass die jetzige Regierung das Urteil umsetzt“, sagt der Präsident des Patronato.

Gefragt nach den Problemen der Gemeinde, lautet die Antwort immer wieder: die fehlenden Territorien. Aber auch die immer geringere Ausbeute beim Fischfang treibt die Menschen um, denn dieser ist eine weitere wichtige Nahrungs- und Einkommensquelle. Abzuwarten ist, ob sich durch die Ausweisung eines neuen Schutzgebiets zwischen Limón und Iriona die Bestände erholen werden. Die handwerkliche Fischerei soll dabei erlaubt bleiben.


Fisch-Anlandung


Als wir nach dem Besuch noch einen kurzen Blick über den Strand werfen, kehrt gerade ein Fischerboot vom Meer zurück. Sofort laufen die Menschen zusammen und ziehen es gemeinschaftlich aus dem Wasser. Der Fang wird noch vom Boot aus an die Herbeigelaufenen verkauft.

Vallecito, 15. August

Do., 18. Aug. 22, 21:49 Uhr

Delegationsbericht 5Heute brechen wir zu einem kleinen Wochenendausflug ans Meer auf. Die Ladefläche des Pick-Ups wird mit dem Motor fürs Boot und einer Menge Kinder beladen, auch in der Fahrerkabine sitzen wir dicht gedrängt, zwei Motorräder ergänzen die kleine Reisegruppe. Wir fahren durch zwei unscheinbare Betonpfosten hindurch. Diese markieren die Grenze des Gebiets, das 2012 von den Garífuna mit einem Camp wieder in Besitz genommen werden konnte. Dahinter liegt das Gebiet, das sich Drogenhändler angeeignet hatten. Hier stehen die Schule und ein großer, offener Versammlungsraum. Der Weg führt an einer ehemaligen Start- und Landebahn der Drogenhändler entlang, auf der nun junge Kokospalmen wachsen. Drei Krater mit einem Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern sind die Hinterlassenschaft einer Bombardierung dieser Piste durch die Regierung im Jahr 2014. Eigentlich war die Zerstörung im Sinne der Garífuna, nur wurden die im Camp Anwesenden an dem Tag von der Aktion der Regierung überrascht, niemand hatte sie zuvor informiert, wird uns berichtet. Schließlich erreichen wir die Lagune, die hinter dichter Vegetation versteckt liegt. Dort, wo das Boot von Vallecito liegt, wird gerade ein neues Haus gebaut. Dort wird bald eine Familie einziehen, die sich dem Fischfang widmen wird.


Überreste einer Eisenbahnbrücke
aus der Zeit der Bananengesellschaften

Um das Boot mit dem Namen „Barauda“ überhaupt in Betrieb nehmen zu können, muss zunächst ein aggressiver Wespenschwarm abgewehrt werden, der in dem Baum darüber sein Nest hat. Ein Wasserstrahl aus einem mitgebrachten Sprühgerät hält die Insekten kurzzeitig in Schach. Die Mehrheit der Passagiere steigt jedoch an einer anderen Stelle zu, nämlich dort, wo die Überreste eines durchgerotteten Floßes liegen. Damit konnte man sich früher an einem Seil auf die andere Seite der Lagune ziehen – auf die vorgelagerte Sandbank und damit ans Meer. Heute nehmen wir einen weiteren Weg und tuckern langsam durch das bräunliche Wasser. Auf der linken Seite das imposante, in der Luft hängende Wurzelwerk der Mangroven. Nach einem kleinen Stück Fahrt treffen wir auf einen Seitenarm, in dem alte Holzpfeiler einer Brücke stehen. Diese stammen noch aus der Zeit, als ein großer Teil der honduranischen Atlantikküste in Händen der Bananengesellschaften waren. Die Brücke gehörte zu einer Eisenbahnlinie in Richtung Tela, über die die Früchte abtransportiert wurden. Nach einer Weile wird das Wasser klarer, die Vegetation auf der Sandbank dünner, über strahlend weißen Sand können wir nun aufs Meer blicken. Ganz zur Mündung der Lagune können wir nicht fahren, weil der Wasserstand zu niedrig und unser Boot zu voll beladen ist. Also klettern wir kurz davor auf die Sandbank und die Kinder stürmen sofort in die Wellen des Meeres. Während die einen baden, suchen die anderen auf der Landseite der Lagune nach Seetrauben (Uvas de playa), einer wilden süß-säuerlichen Frucht von der Größe von Weintrauben.
„Barauda“ legt an der Sandbank an
Obwohl das Meer fast vor der Haustür liegt, finden Ausflüge wie heute nicht so häufig statt, nur ab und an am Wochenende, oder, wenn eine Grippewelle die Gemeinde erwischt hat – die Garífuna setzen auf die Heilkräfte des warmen Meerwassers.

Heute haben wir die endlos wirkende Sandbank für uns alleine, doch von unseren Begleiter*innen aus der Gemeinde erfahren wir, dass der Palmölmagnat Miguel Facussé, bzw. dessen Erb*innen hier in der Nähe eines ihrer vielen Anwesen haben, ein Luxusressort mit allen Schikanen, wie uns versichert wird. Die dortigen Gäste reisen gerne mit Kleinflugzeugen oder Hubschraubern an und ein paar dieser Kleinflugzeuge hatten wir in den letzten Tagen schon am Himmel gesehen.

Vallecito, 12. und 13. August

Mi., 17. Aug. 22, 18:25 Uhr

Delegationsbericht 4

Nach 13 Stunden Fahrt in klapprigen gelben Bussen und auf einem Pick-up erreichen wir Vallecito, das „gelobte Land“ der Garífuna. Faya heißt es in deren Sprache, ein Wort, das unsere Mitreisenden mit dem Terminus „navegantes“ verbinden, Seefahrer, die von überall her Reisen auf Lagunen und Meer unternehmen. Das passt gut, denn Faya ist eine Gemeinde mit noch wenigen ständigen Bewohner*innen – bisher leben nur 52 Personen das ganze Jahr über hier. Die meisten, die hier temporär mit anpacken, kommen aus verschiedenen Garífuna- und gelegentlich auch Miskito-Gemeinden entlang der honduranischen Atlantikküste. Wir fühlen uns an diesem Spätnachmittag nicht so ganz wie elegant übers Wasser herbeigleitende navegantes, eher wie ordentlich durchgeschüttelte naufragados, Schiffbrüchige, die nach dem Weg durch ein endloses Meer dunkelgrüner Ölpalmen, die Orientierung verloren haben und endlich auf einer lichten Insel landen. Als ein bewaffneter Soldat uns das Eisentor öffnet, tut sich eine andere Welt auf: Eingerahmt von dichtem Mischwald eine riesige freie Fläche, darauf hunderte Kokospalmen in den verschiedensten Größen, schließlich ein Feld mit Yucca-Pflanzen und die ersten Häuser: Gemeinschaftsküche mit Gemüsegarten, Lagerhaus mit Solarpanel auf dem Dach, eine Reihe Latrinen und die pila, das Wasserreservoir mit Schrubbbrettern zum Wäschewaschen. Wer nach Vallecito kommt, erhält alles Nötige von der Gemeinschaft. Es gibt hier keinen Laden, also auch kein Anschreiben von Schulden, keinen Alkoholverkauf, keine Softdrinks und schon gar keine fettigen Snacks in kleinen Plastiktüten, mit denen die Palmöl-Produzenten mächtig Umsatz machen. Solange mensch nicht nach draußen muss, spielt Geld in Faya keine allzu große Rolle. Die meisten, die hier herkommen, arbeiten unentgeltlich mit, Fachpersonal und einige wenige Arbeiter, die zum Beispiel helfen, die Flächen mit den Kokospflanzungen frei zu halten, werden von OFRANEH bezahlt.
  'Herzlich Willkommen in Faya'

Einen der ganz großen Faya-Enthusiasten lernen wir gleich am nächsten Morgen kennen: Idner Gutierrez, Agraringenieur und Garifuna-Traditionalist aus dem Nachbardorf Punta Piedra zeigt uns die Anzucht von Gemüsepflanzen, die Produktion von biologischen Insektiziden und von Flüssigdünger in großen blauen Plastiktonnen und vor allem sein Spezialgebiet, den Yucca-Anbau. Auf einer großen Expertimentierfläche baut Idner mit Hilfe der Schulkinder, die hier praktischen Unterricht bekommen und von Helfer*innen, die Unmengen Beikräuter zu jäten haben, dreißig Sorten der nahrhaften Wurzeln an. Wir testen zuerst die bittere Variante, die wir wir wegen des hohen Zyanidgehaltes sofort wieder ausspucken. „Keinesfalls runterschlucken!“ warnt uns Idner. Diese Sorte dient ausschließlich der Produktion von Cassaba, einer Art Knäckebrot aus dem Mehl der Yucca-Wurzeln. Cassaba wird sehr aufwendig hergestellt und ist auch im hiesigen Klima mit etwa 32 Gras Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit lange haltbar. Als nächstes zieht Idner ein großes Knollenbündel der süßen Yucca-Variante aus dem Boden. „Die hier ist noch nicht ganz ausgereift“, sagt er stolz, „aber sie hat schon mehr als die vier Pfund Ertrag, die im Durchschnitt von einer Yucca-Pflanze erwartet werden.“ Im September werden die Knollen von 1.500 Pflanzen für die Cassaba-Herstellung geerntet werden. Idners Ehrgeiz ist, alte Sorten für die nachkommenden Generationen zu erhalten. Vielleicht entstehe durch Kreuzungen auch mal eine neue Sorte, die Yucca Faya. „Das wäre auch ein schönes Projekt für eine Doktorarbeit.“
Idner Gutierrez erklärt die Herstellung
von biologischen Insektiziden

Kunstdünger und Agrargifte sind in Vallecito tabu. Trotzdem beeinflussen sie das Leben auf dieser Insel im Meer von Ölpalmplantagen extrem. Alles Trinkwasser muss außerhalb in den typischen bläulichen 25-Liter-Behältern gekauft und mit dem Pick-Up herangeschafft werden. Die Hoffnung, mit Tonfiltern eigenes Trinkwasser aus den Tiefbrunnen der Gemeinde gewinnen zu können, hat sich nicht erfüllt. Alle sechs Monate werden Wasserproben ins Labor gegeben und zurück kommen für den menschlichen Konsum viel zu hohe Werte an Pestizid-Rückständen und Schwermetallen.

Nach einer mückenreichen Nacht, in der wir zum Sound des Dieselgenerators einschlafen, der von 18 bis 21 Uhr Strom für einen Teil der kleinen Holz- und Zementsteinhäuser produziert, rumpeln wir am zweiten Tag über den „camino real“, den Königsweg, der aus zwei lehmigen Fahrspuren und einer Brücke aus vier schmalen Betonbalken besteht, in den zweiten Teil der Gemeinde. Hier war unter Pinien das ursprüngliche Campamento, wo im August 2012 Hunderte Präsenz zeigten, um den Anspruch der Garífuna auf ihr angestammtes Territorium geltend zu machen. 1.600 Hektar ist es groß, davon werden etwa zehn Prozent bewirtschaftet, der Rest soll Naturreservat bleiben.


In Vallecito wird für den Bedarf der Garifuna-Gemeinden angebaut, nicht um Gewinne zu machen. Das bestätigt uns am nächsten Tag auch Henry Morales, ebenfalls Agraringenieur und der Kokos-Experte der Gemeinde. 2016 hat er mit dem Anbau verschiedener Varietäten von Kokospalmen begonnen. 70.000 Kokosnüsse wurden damals aus verschiedenen Gemeinden nach Vallecito gebracht, alles Sorten, die dem tödlichen Vergilben getrotzt hatten, einer Palmenkrankheit, die über Jahre die Atlantikküste heimsuchte.
Henry Morales könnte den ganzen Tag über
Kokosanbeu referieren
 

Die Palmpflanzungen dienen zwei Zwecken: Der Verteidigung des Territoriums und der Ernährungssicherheit der Garífuna. Den ersten Zweck konnten wir schon bei einem Spaziergang Richtung Lagune und Meer gut beobachten. Zwei Krater sind dort noch zu sehen, die übrig blieben, als die honduranische Armee eine Landepiste für Drogenflugzeuge bombardierte. Früher war hier für die Garífuna kein Durchkommen, heute stehen hunderte kleiner Kokospalmen und ein paar strategisch verteilte Häuser auf dem Gelände. Mindestens so wichtig ist natürlich der Wert von Kokos für die Garifuna-Küche, vor allem für die berühmten Suppen, allen voran Machuca, eine Kokosfischsuppe mit gestampften Kochbananen. Während wir genüsslich je eine Kokosnuss ausschlürfen und auslöffeln, erklärt uns Henry den Nutzen von Kokosprodukten für die Gesundheit: Das Wasser – bis zu anderthalb Liter pro Nuss – hilft den Nieren, das Öl der Haut und der Entspannung.


Im September wird OFRANEH mit der Produktion von Kokosöl beginnen. Die Halle dafür steht schon. Die gemauerten Öfen zum Kochen des Öls sind da, ein Berg Nüsse ebenso, viele leeren Flaschen, gekachelte Arbeitsflächen für die Produktion. Den genauen Termin für das Schälen der Nüsse, das Reiben des Fleisches und das Kochen des Öls ermitteln die Garífuna nach dem Stand des Mondes und der Gezeiten. „Diese Traditionen dürfen wir auf keinen Fall vernachlässigen“, erklärt Henry. Ihm wäre es sehr wichtig, sein reiches Wissen weiterzugeben. Ganz einfach ist das nicht, es kommen zwar hin- und wieder Studierende der Agrarwissenschaften zu Besuch, aber die lernen an ihren Universitäten ganz anderes: Zum Beispiel, das man von Insekten befallene Palmblätter abschneiden soll, eine Maßnahme, die hier strikt abgelehnt wird. Nicht aus Prinzip, sondern auch der praktischen Erfahrung, dass dann die noch gesunden jungen Blätter um so schneller angegriffen werden. Eine eigene Garífuna-Universität in Vallecito zu etablieren ist deshalb eines der großen Ziele von OFRANEH.
In Vallecito wachsen auf großen Flächen Kokospalmen heran

Wir lernen: Eine Kokospalme benötigt mit etwa anderthalb Litern Wasser pro Tag nur ein Drittel dessen, was eine Ölpalme schluckt und sie breitet ihre Wurzeln nicht so stark aus. Während zwischen Zwischen den Palmen können also auch noch Bananenstauden wachsen. Wir sehen Kolibris in den Palmen schwirren und hören eine Vielzahl von Vögeln zwitschern. Drei bis sechs Jahre dauert es bis eine Kokospalme Früchte trägt und sie wird bis zu 100 Jahre alt. „Man muss sie eben gut pflegen und sich kümmern“, sagt Henry. „Ich mache das, weil ich möchte, dass die nächsten Generationen Garífuna weiter hier leben können.“ Faya soll künftig ein Rückzugs- und Lebensort auch für die Garífuna werden, deren Existenz durch die Klimakrise und die dadurch massiv beschleunigte Erosion der Küste Strand und Häuser verlieren.

Lateinamerika: Neue Signale für mehr regionale Integration

Fr., 12. Aug. 22, 21:56 Uhr

 von David Keck

aus: Amerika 21v. 12.08.2022


Präsidentin Xiomara Castro (Honduras)
und Alberto Fernández (Argentinien)
sprachen in Bogotá über eine stärkere Rolle der Celac
Quelle: ALBERTO FERNÁNDEZ

Bogotá. Die Präsident:innen von Argentinien und Honduras wünschen sich eine stärkere Kooperation der lateinamerikanischen Staaten. Im Nachgang zur Amtseinführung von Gustavo Petro als neuer kolumbianischer Präsident am Wochenende in Bogotá diskutierten die Staatschefs gemeinsam mit zahlreichen weiteren Politiker:innen aus der Region bei diversen Treffen über die Möglichkeiten, die sich aus einer Integration ihrer Länder ergeben würden.

Noch ist eine genaue Stoßrichtung für einen möglichen Integrationsprozess nicht erkennbar. Jedoch wurde bei einem Treffen zwischen Argentiniens Präsident Alberto Fernández, und der honduranischen Präsidentin, Xiomara Castro, ersichtlich, dass beide der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (Celac), dabei eine Schlüsselrolle zusprechen.


Die Puebla-Gruppe, ein Forum der politischen und akademischen Linken sieht das ähnlich, da die Celac das einzige Gremium ist, dass alle 33 souveränen lateinamerikanischen und karibischen Staaten vereint. Nach ihrem Willen soll die Integration durch eine Stärkung der Celac sowie eine Annäherung der bereits existierenden Integrationsmechanismen, wie dem Mercosur, der Pazifik-Allianz oder der Bolivarischen Allianz für die Völker unseres Amerika (Alba) vorangetrieben werden.

Ein anderer verbreiteter Vorschlag ist der einer gemeinsamen Währung für Lateinamerika. Der ehemalige und möglicherweise auch zukünftige Präsident von Brasilien, Lula da Silva hatte den Gedanken geäußert, ebenso wie Roy Barreras, Vorsitzender des kolumbianischen Senats. Auch Chiles Präsident Gabriel Boric hatte öffentlich darüber nachgedacht, aber angeregt, dass zunächst andere Ebenen der Kooperation vertieft werden sollten.

Yair Cybel vom Lateinamerikanischen Strategiezentrum für Geopolitik (Celag) erklärt die neue Bewegung in der Integrationsdebatte: "Die Amtsantritt von Gustavo Petro markiert einen Wendepunkt, ein Vorher und Nachher in Kolumbien, eröffnet aber auch die Möglichkeit, über eine neue Art der Integration in Lateinamerika nachzudenken."

Die Idee eines geeinten Lateinamerikas geht bereits auf die Unabhängigkeitsbewegungen im 19. Jahrhundert zurück. Im Juli dieses Jahres fand der 200. Jahrestag des legendären Treffens von Guayaquil statt. Dort besprachen die beiden Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar und José de San Martín ihre Ideen für die zukünftige Struktur des Kontinents. Auch wenn sie letztlich verschiedener Meinung waren, lebte die Idee einer Integration seitdem immer wieder auf, wie Regionalbündnisse wie der Andenpakt oder der Mercosur zeigen. Bislang blieben solche Projekte allerdings stets partiell und meist auf die ökonomische Ebene beschränkt.

Obwohl viele Länder Lateinamerikas im Moment stark mit ihren eigenen wirtschaftlichen und sozialen Problemen beschäftigt sind, scheint der Augenblick für Integrationsprojekte dennoch günstig – so sehen es Beobachter:innen. Die USA, die die Region stets als ihren Hinterhof betrachtet haben, seien angeschlagen.

Laura Velasco, eine Regionalabgeordnete aus Buenos Aires kommentierte dies folgendermaßen: "Ein multipolares internationales Panorama tut sich auf. Die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Region ist nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit."

Tegucigalpa, 8. und 9. August

Mi., 10. Aug. 22, 7:43 Uhr
Delegationsbericht 3

Ein von OFRANEH gecharterter Bus sammelt morgens früh Gemeindemitglieder aus San Juan und Triunfo ein, Trommeln und Kräuter zum Teekochen werden eingepackt und langsam quält sich der in die Jahre gekommene Bus die Berge hinauf in Richtung der Hauptstadt, mit mehreren Stopps, um den Motor wieder abkühlen zu lassen. Dort werden wir auf Gruppen aus anderen Garífuna-Gemeinden treffen, die sich zu einer großen Demonstration zum Tag der indigenen Bevölkerungen am 9. August versammeln. Erst im Dunklen erreichen wir, noch dazu im Regen, die Stadt und sind erleichtert, im Gewerkschaftshaus Stibys und nicht wie vorher angekündigt im Zeltlager unterzukommen. Der Saal ist bereits komplett in ein riesiges Matratzenlager verwandelt und es werden noch mehr Busse erwartet. Dankbar nehmen wir das Abendessen aus der Campküche entgegen und bald schon nehmen wir unsere Matratzen ein.

In aller Frühe geht das Licht an und „Buenos Días“ und „Buiti Binafi“ schallen durch den Raum. Alle gemeinsam räumen das Matratzenlager auf, dann beginnt der Tag mit einer Zeremonie der Garífuna. Gut 500 Personen sind aus den verschiedenen Gemeinden angereist, nicht nur aus den Garífuna-Gemeinden, sondern auch aus den indigenen Gemeinde der Tolupanes, der Pech und der Maya Chortí. Später auf der Demonstration werden noch bei COPINH organisierte Lenca dazustoßen. Zunächst staunen wir über die Organisation, die es schafft, so viele Menschen im Matratzenlager und in noch schnell vor der Tür errichteten Zelten unterzubringen und mit Abendessen und Frühstück zu versorgen. 
    Demonstrationszug
am Internationalen Tag der indigenen Völker


Die Demonstration an sich hat einen traurigen Anlass: Noch immer ist der Fall der vier gewaltsam Verschwindengelassenen aus Triunfo de la Cruz nicht aufgeklärt, über den Verbleib der von Bewaffneten in Polizeiuniformen entführten Männern ist nichts bekannt. Bisherige Forderungen an die Generalstaatsanwaltschaft blieben unbeantwortet. Weder fand eine umfassende Untersuchung statt, noch wurde das von den Garífuna gegründete Ermittlungskomitee SUNLA in die offiziellen Untersuchungen einbezogen. Auch die Forderung nach der Einrichtung einer Staatsanwaltschaft für Fälle von Gewaltsamen Verschwindenlassen ignorierte die Generalstaatsanwaltschaft bisher. Ebensowenig werden die Urteile des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofs zu den Gemeinden Triunfo de la Cruz und Punta Piedra aus dem Jahr 2015 umgesetzt, laut denen den Garífuna-Gemeinden ihre angestammten Territorien zurückgegeben werden müssen. Das gewaltsame Verschwindenlassen der Garífuna aus Triunfo de la Cruz, unter ihnen der Präsident des Patronatos Sneider Centeno, stehen höchstwahrscheinlich in Zusammenhang mit deren Kampf für die Rückgabe der angestammten Territorien. In einer Erklärung bringt OFRANEH die bisherigen Forderungen erneut zum Ausdruck, mit der Demonstration zum Gebäude des Ministerio Público, der Generalstaatsanwaltschaft wollen die Garífuna endlich Antworten von der Behörde erhalten.

Wegen dunkler Wolken am Himmel wird die Demonstrationsroute abgekürzt und die Teilnehmenden versammeln sich nur zu einer Kundgebung vor dem Ministerio Público. Mit Trommeln besetzen sie die Stufen vor dem Gebäude und beginnen mit einer weithin hörbaren Zeremonie. Vor einem Jahr hätten sie dem Ministerio Público konkrete Forderungen unterbreitet und dieses hätte nicht einmal geantwortet, reklamiert Miriam Miranda, Koordinatorin von OFRANEH in ihrer Rede. 
Die Koordinatorin von OFRANEH Miriam Miranda
 bei der Auftaktkundgebung
Nach den Redebeiträgen beginnen die Anwesenden, in das Gebäude hineinzugehen. Sie machen dabei von ihrem Recht Gebrauch ein öffentliches Gebäude zu betreten und werden auch von niemandem aufgehalten. Doch im Inneren verharren sie schließlich zwei Stunden vor verschlossenen Bürotüren; kein*e Mitarbeiter*in zeigt sich bereit, zu den Fragen und Forderungen von OFRANEH Stellung zu beziehen, geschweige denn überhaupt mit den Demonstrierenden zu sprechen.

Abschlusskundgebung
 Schließlich verlassen die Demonstrierenden das Gebäude der Staatsanwaltschaft wieder, aber nicht ohne eine kraftvolle Abschlussrede vor der Tür. „Warum haben sie Angst vor der Bevölkerung? Warum sind sie nicht da, um den Forderungen der Bevölkerung gerecht zu werden?“ fragt Miriam Miranda. Viele der Funktionär*innen hätten selbst ein Haus am Strand, sie haben sich die Territorien angeeignet und würden diese weiter aneignen. „Diese Institutionen, die ihre Aufgaben nicht erfüllen, müssen beseitigt werden und die Bevölkerung muss die Kontrolle übernehmen!“ schließt Miranda unter wütendem Applaus.
Brief an die honduranische Regierung und Unterschriftenaktion von HondurasSolidarity.org

Brief zur Unterstützung von OFRANEH an die honduranische Regierung (englisch/spanisch)

Mi., 10. Aug. 22, 7:15 Uhr

                                                                                                               



Letter to the Honduran Government in Support of OFRANEH and the Garifuna Communities

On the occasion of OFRANEH and Garifuna communities presentation of their demands in Tegucigalpa

August 8, 2022

We are writing in support of OFRANEH and the Garifuna communities in Honduras and their demands for justice and for the defense of their territory.  

Two years after the July 18, 2020 forced disappearance of 4 Garifuna defenders, Snider Centeno, Suami Mejía, Milton Martínez and Gerado Rochez from Triunfo de la Cruz, their disappearance remains in impunity with no serious investigation reported on by the authorities. 

Almost 8 years after the August 2015 Inter-American Human Rights Court (IAHR) ruling in favor of the communities of Triunfo de la Cruz and Punto Piedra, the measures ordered by the court to restore and protect Garifuna territory have still not been  implemented by the Honduran state.  

We understand that the violations in these cases were committed by the narco-coup regime and not the current administration,  but we note that the newly elected government of President Xiomara Castro has inherited the responsibilities for justice related to both cases and is now responsible for guaranteeing the rights of the Garifuna people going forward. President Castro’s election was the result of 12 years of the people’s resistance and it awakened hope for change in Honduras. Now is the time to act on these emblematic cases! 

We support the following demands of OFRANEH and the Garifuna communities:

Forderungen und Unterschriftenaktion


Pressemitteilung OFRANEH zum internationalen Tag der indigenen Völker

Di., 9. Aug. 22, 7:11 Uhr
Tegucigalpa, 9. August 2022. Heute, am 9. August 2022, dem Internationalen Tag der indigenen Völker, sind mehr als zwei Jahre vergangen seit vier Garífuna aus der Gemeinde Triunfo de la Cruz gewaltsam verschwinden gelassen wurden, unter ihnen der Leiter dieser Gemeinschaft. Wieder einmal sind wir gezwungen, einen weiten Weg zurückzulegen, von Plaplaya im Departement Gracias a Dios im Osten bis nach Masca in Omoa im Westen, von Küste zu Küste, von Sonne zu Sonne. Wir kommen aus unseren Territorien, die von Dritten besetzt sind. Wir werden von Palmöl-Unternehmen vertrieben, von Tourismuszentren und durch die umstrittene Ausbeutung unserer Naturgüter. In unseren angestammten Territorien haben sich Drogenlabore festgesetzt, Strandhäuser der Mächtigen dieses Landes. Dies geschieht just dort, wo so genannte Schutzgebiete eingerichtet worden sind, zu denen wir nicht konsultiert wurden. Sie wurden stattdessen an Stiftungen übergeben, die unsere Territorien dem Tourismus und den Realityshows übereignen. Wir kommen heute aus den Gemeinden, in denen wir nur Kerzenlicht haben, Gemeinden, die die meiste Zeit des Jahres vom Straßennetz abgeschnitten sind. Wir kommen aus Territorien, aus denen Tausende von Garífuna in den Norden vertrieben wurden, aus den Gemeinschaften, in denen das Wissen unserer Vorfahren uns entwunden wurde und unsere Wurzeln zur Folklore verkommen sind. Wir kommen aus Gebieten, um die die organisierte Kriminalität sich streitet, in denen unsere Compañeros und Compañeras verfolgt, kriminalisiert, verurteilt, inhaftiert, ermordet und gewaltsam verschwinden gelassen werden.

Aber wir kommen gleichzeitig aus eben diesen Territorien, in denen wir kämpfen und Leben aufbauen, für Würde und Wohlergehen sorgen, mit dem langen Atem derer, die uns in unserer rebellischen Geschichte vorausgegangen sind. 

Wir sind heute hier, um über die Schlaglöcher im Asphalt der Hauptstadt zu laufen. Wir setzen unseren Demonstrationszug in Bewegung und senden einen Alarmruf an die landesweite und die internationale Gemeinschaft, die schwierige und dringliche Lage der GARIFUNA wahrzunehmen und sich ebenfalls in Bewegung zu setzen:


Wir heben folgende Punkte hervor:

1. Wir leben in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft. Sie gründet sich auf einen neoliberalen Multikulturalismus, der indigene und Schwarze Menschen gering schätzt. Dieses System positioniert uns, durchaus raffiniert, in der Matrix der Unterdrückung, die uns unsere eigene „Unterlegenheit“ verinnerlichen lässt. Es handelt sich um eine klassistische, patriarchalische, lebensverachtende Gesellschaft, die sich auf ihren Überlegenheitskomplex stützt. Eine vermeintliche Überlegenheit, die sich in Privilegien für die Weißen und Verachtung für die Nicht-Weißen niederschlägt.

2. Die Territorien der Garifuna-Gemeinschaften sind von Politiker*innen, Unternehmer*innen und kriminellen Gruppen besetzt. Gemeinsam widmen sich diese der Kapitalakkumulation und Geldwäsche. Sie haben diese Gemeinden nicht nur zu einem Drogenumschlagplatz gemacht, sondern auch zu geschützten Zonen für die Aussaat und Produktion dieser Drogen.

Ohne Territorium gibt es keine Ernährungssicherheit und keine Kultur
.

3. Am 8. Oktober 2015 hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (IACtHR) Urteile zu Gunsten der Garífuna-Gemeinden von Triunfo de la Cruz in der Bucht von Tela und Punta Piedra im Departement Colón gefällt. Es betrifft die Verletzung des Rechts auf kollektiven Landbesitz des angestammten Territoriums und das Recht auf freie, vorherige und informierte Konsultation. Sieben Jahre sind vergangen und der Staat weigert sich, die Urteile umzusetzen. Im Gegenteil, Gewalt und Feindseligkeit haben in den Garífuna-Territorien zugenommen.

4. Aufgrund dieser mangelnden Bereitschaft, die Urteile umzusetzen, ist der Staat für die Welle der Gewalt verantwortlich, die sich gegen die Anführer*innen unserer Gemeinschaften richtet. Dieser Mechanismus des Drucks und der Bedrohung soll unsere Territorien enteignen und leeren. Das hat zu massiven Migrationswellen der Garífuna geführt und dient dem Ziel, unser Land den Drogen-Unternehmer*innen zu überlassen, die heute unsere Gemeinschaften kontrollieren und in Besitz genommen haben.

5. Wir haben das Garífuna-Komitee für die Ermittlung und Suche nach den gewaltsam Verschwundenen von Triunfo de la Cruz (in Garífuna SUNLA) mit dem Mandat gegründet, das gewaltsame Verschwinden der vier Garífuna aus der Gemeinde Triunfo de la Cruz zu untersuchen, um ihren Verbleib zu ermitteln, Gerechtigkeit zu erlangen und die Verantwortlichen zu identifizieren.

6. Wir haben uns sowohl an die Staatsanwaltschaft, als auch an die Generalstaatsanwaltschaft der Republik gewandt; ihre Antworten beruhen weiterhin auf denselben historischen rassistischen Argumenten und der Missachtung der angestammten Rechte auf Autonomie und Selbstbestimmung der Garífuna.


Aufgrund der obigen Ausführungen FORDERN WIR:


1. Die Konzeption und Umsetzung von Maßnahmen und Plänen zur Suche nach den gewaltsam verschwundenen Personen aus Triunfo de la Cruz, auf der Grundlage der UN-Leitprinzipien für die Suche nach verschwundenen Personen. Maßnahmen, die die Würde der Vermissten achten, die kulturellen Eigenheiten respektieren, ihre extreme Verletzlichkeit berücksichtigen und, wie in Grundsatz 1 festgelegt, die Suche nach vermissten Personen unter der Vermutung des LEBENS durchgeführt werden. Diese Suche sollte so lange fortgesetzt werden, bis das Schicksal und/oder der Verbleib der gewaltsam Verschwundenen mit Sicherheit geklärt ist.

2. Die Einrichtung einer Sonderstaatsanwaltschaft für das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen, um den Fall der gewaltsam Verschwundenen aus Triunfo de la Cruz, und den anderen, die täglich in Honduras gewaltsam verschwinden gelassen werden, zu untersuchen; eine Sonderstaatsanwaltschaft, die den Anforderungen der Sorgfaltspflichten für alle Phasen der Suche und der Ermittlungsverfahren genügt (und eine offizielle, umfassende und sofortige Untersuchung beinhaltet); die den Anforderungen an Unabhängigkeit, fachliche Kompetenz und Unparteilichkeit der beteiligten Institutionen und des Fachpersonals gerecht wird sowie die umfassende Beteiligung der Vertreter*innen und Angehörigen der Betroffenen der gewaltsamen Verschwundenen garantiert.

3. An die Staatsanwaltschaft: Die Einbindung des Garífuna-Komitees für die Ermittlung und Suche nach den Verschwundenen von Triunfo de la Cruz (in Garifuna SUNLA) als unabhängige Instanz in die Ermittlungen und Suche nach den vermissten Garífuna, auf der Grundlage der Grundsätze des Gewohnheitsrechts und der UN-Leitprinzipien für die Suche nach gewaltsam Verschwundenen.

5. die Exekutivvereinbarung 01-2016 aufzuheben, mit der die Interinstitutionelle Kommission für die Einhaltung der internationalen Urteile (CICSI) geschaffen wurde, die ihre Funktion nicht erfüllt. Ihr Ziel wäre es gewesen, Hindernisse zu beseitigen und wirksame Kriterien und Maßnahmen einzuführen, um die Urteile, Empfehlungen und internationalen Verpflichtungen einzuhalten.

Der Staat sollte stattdessen eine echte interinstitutionelle Kommission einrichten, um die Einhaltung der Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofs zu den Gemeinden von Triunfo de la Cruz und Punta Piedra zu garantieren. Diese sollte aus hochrangigen Beamt*innen mit Entscheidungsbefugnis der drei Staatsgewalten bestehen und sich wie folgt zusammensetzen:

- ein*e Vertreter*in des Ministerrats

- ein*e Vertreter*in des Obersten Gerichtshofs (Ein*e Richter*in)

- ein*e Vertreter*in des Nationalkongresses (Ein*e Abgeordnete*r)

- ein*e Vertreter*in der Staatsanwaltschaft (mit Ausnahme der Staatsanwaltschaft für ethnische Gruppen)

- die Generalstaatsanwaltschaft

6. Wir rufen die Garífuna, die sich auf nationaler und internationaler Ebene mobilisiert haben, ihre Alliierten, solidarische Organisationen und Regierungen auf, die Forderung nach einem lebendigen Erscheinen der gewaltsam verschwindengelassenen Garífuna aus Triunfo de la Cruz aufrechtzuerhalten, sowie die Forderung, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden und dass die Gewalt gegen und die Morde an den Verteidiger*innen der Territorien und des Lebens der Garífuna aufhören.

7. Wir sind nicht hier, um Geld zu verlangen, sondern um die Rückgabe unseres angestammten Territoriums zu fordern, die Respektierung unserer angestammten territorialen Rechte, die Achtung unserer Identität und unserer Autonomie, um uns den Frieden und die Sicherheit zurückzugeben, die in unseren Gemeinschaften geherrscht haben.

Wir sind dankbar für die Unterstützung des Nationalen Netzwerks der Menschenrechtsverteidigerinnen in Honduras, der Nationalen Koordination der indigenen Frauen CONAMINH, der Versammlung der kämpfenden Frauen von Honduras und aller Personen und Organisationen, die den Kampf der Garífuna zu ihrer Angelegenheit machen.

Tegucigalpa, Francisco Morazán, am 9. August 2022

#Für Leben und Territorium, Gerechtigkeit und Wahrheit für die Garifuna

#Ohne Territorium gibt es keine Identität und keine Garífuna

#Zwangsumsiedlung zerstört unsere Wurzeln

#Lebendig wurden sie genommen, lebendig wollen wir sie wiederhaben



Tornabe, 8. August

Mo., 8. Aug. 22, 20:30 Uhr
Delegationsbericht 2

Dritter Tag. Wir stapfen zwischen Plastikmüll und einigen Holzstücken am weißen Sandstrand der Gemeinde Tornabe entlang. Der Name Tornabe soll aus den Zeiten der Invasion in der Gegend durch das US-Bananenunternehmen Tela Railroad Company stammen und von Turn About, den Scheitelpunkt der Bucht von Tela abgeleitet sein, erzählt uns später der Präsident der indigenen Vertretung, des Patronato von Tornabe. 

Jetzt zeigen sich hier erst mal die Zeichen einer neueren Invasion: Links taucht ein verfallenes Wachhäuschen des Immobilien- und Tourismuskomplexes Indura Ressort auf, in der Ferne quert ein großer Anlegesteg den Strand und ragt weit in die gerade sanften blauen Wellen der Karibik. Wir sind mit Vertretern der Garífuna-Organisation OFRANEH und lokalen Mitgliedern des Landverteidigungskomitees und des Patronato unterwegs.

Wir gehen an einem Schild „Betreten Verboten. Privatgelände“ vorbei. Aus der Entfernung sehen wir angestammtes Gebiet der Garífuna, das eigentlich gar nicht verkauft hätte werden dürfen.Einige frühere Gemeindeanführer*innen vertrauten dem Staat, der über das Tourismusministerium knapp die Hälfte der Anteile an dieser Private Public Partnership hält. Sie hofften auf tausende neuer Arbeitsplätze. Die kamen nicht, dafür ist das Gelände zur No-go-Area für die Garífuna geworden. 
'Propiedad Privada';
©HondurasDelegation


Indura Beach
©HondurasDelegation











Eigentlich sollten sie zumindest ein Betretungsrecht haben, denn sieben Prozent der staatlichen Anteile am Indura Ressort wurden angeblich den umliegenden Garífuna-Gemeinden übereignet. Ein Dokument haben sie nie gesehen, erzählt der Vertreter des Landkomitees. Normalerweise würden sie sofort von Wachpersonal verjagt, erzählt er. Heute können wir gemeinsam ein Stück in das Gelände hineinlaufen. Vor uns sehen wir luxuriöse große Privathäuser, neben uns eine Baustelle. Das gleiche Bild wie bereits in benachbarten San Juan: Sumpfige Stellen, die zur nahen Lagune gehören, werden aufgefüllt, um Bauland zu gewinnen. Unsere Begleiter würden gerne verhindern, dass diese Arbeiten immer weiter fortschreiten. Auch Tornabe fürchtet Überschwemmungen, wenn die Lagune immer weiter zerstört wird. Früher konnte man hier Riesenkrebse, Schildkröten und Leguane jagen, erzählen die älteren Garífuna-Aktivisten, diese Spezies seien inzwischen fast verschwunden und betreten dürften sie das Gebiet ja sowieso nicht.


„Unsere Vorfahren haben gewusst, dass sie nur große, erwachsene Exemplare erlegen dürfen und davon auch nicht zu viele. Aber diese Leute hier rotten auch schon die kleinen Krebse aus“, bedauert unser Begleiter. Auch an Hölzer für den traditionellen Hausbau und Gräser für Flechtmatten kämen die Garífuna nicht mehr heran. Drei jüngere Gemeindemitglieder ernten inzwischen ein paar dicke, saftige Früchte - Seetrauben. Früher seien sie ein wichtiges Zubrot für die Familien gewesen, jetzt hätten sie schon seit Jahren keine mehr gegessen. Vorsicht, werden wir gewarnt, als wir ebenfalls begehrlich auf die Büsche mit den verlockenden Kugeln schielen, es gibt just am Eingang auch giftige Trauben, die den genießbaren ähnlich sehen. 
Wir gehen weiter auf dem Strand in Richtung des Hotels. 50 Meter des feinen hellen Sandes wären eigentlich öffentlich, das Ressort respektiere das aber nicht. Kaum ein Dutzend Tourist*innen sonnt sich auf Liegen oder planscht im Wasser. Um die 200 Euro kostet eine Nacht in dem abgeschirmten Komplex. Der Holzanleger reicht über den ganzen Strand. Für die Bewohner*innen von San Juan und Tornabe ist damit der kurze Fahrweg in den Nachbarort Barra Vieja versperrt. Statt eine dreiviertel Stunde brauchen sie nun drei um Ressort und Lagune weiträumig zu umfahren. 
Indura Ressort -der Anlegesteg versperrt den Zugang zum Fahrweg©HondurasDelegation


abgeholzte Seetrauben, im Hintergrund der Golfplatz
©HondurasDelegation




































Kurz hinter dem Anleger zücken nun alle ihre Handys. Aufgeregt kommentiert eines der Mitglieder des Patronato das Gefilmte: Meterweise wurde die Strandvegetation abgehackt. Die Seetraubenbüsche vertrocknen in der Sonne. Dahinter kommt ein gelblichgrüner Golfplatz zum Vorschein. Sie zerstören sogar ihre eigene Investition, staunt der Vertreter des lokalen Landkomitees der Garífuna. 
Wir kehren um und laufen in der inzwischen sengenden Sonne zurück zum Friedhof von Tornabe.

Im kühlen Auto des inzwischen eingetroffenen Präsidenten des Patronato steuern wir die nächste Station dieses Landnahme-Dramas an: Am Straßenrand kündigt wieder ein Schild an, dass es sich hier um Privatgrund handle. Zur Abwechslung ist es mit einem stilisierten Wachmann mit Maschinengewehr verziert. Tatsächlich handelt es sich um den Kernbereich des Nationalparks Jeannette Kawas. Nach Naturschutzgebiet sieht es hier allerdings nicht aus. Der Weg Richtung Lagune wurde aufgeschottert. Rechts von uns wurden Bäume gefällt. Hier können wir nur wenige Meter laufen, bis zum zweiten Tor wagt sich hier niemand vor. Und das liegt nicht an der giftigen, knallgrünen Schlange die sich links durch Gras und Sumpf windet. Es wird vermutet, dass der Weg hier nicht nur zu den Palmöl-Pflanzungen führt, deren Wipfel wir hier in einiger Entfernung sehen, sondern auch zur Lagune, wo mit Verbindung zum offenen Meer ungesehen „weißer Stoff“ umgeladen werden kann. Palmöl-Pflanzungen haben große Teile des Nationalparks zerstört, für dessen Schutz die 1995 ermordete Naturschützerin Jeanette Kawas gekämpft hatte.

Am Nachmittag zurück in San Juan gehen Gewitterschauer nieder und wir ruhen aus und bekommen eine leckere Kokos-Suppe mit Meeresfrüchten und gestampften Bananen kredenzt.

Als der Regen nachlässt besuchen wir eine so genannte recuperacíon, eine Rückgewinnung von Land: Im letzten Jahr haben vor allem junge Garífuna aus San Juan das angestammte Gemeindeland „besetzt“. Ein kleines schilfgedecktes Gemeindehaus entsteht, einige wenige Häuschen sind zu sehen. Bis zu 120 Familien könnten hier leben. 50 Parzellen wurden schon verteilt. Allerdings: Auch sie müssten „zurückgewonnen“ werden, ist doch die Hälfte der Garífuna aus San Juan längst in die USA migriert. Auch hier, auf diesem Stück Hoffnung ist der Weg zu einem Arm der Lagune versperrt, wird sumpfiges Gelände von Unbekannten aufgefüllt und monströse Bauruinen aus Zement mit kitschigen Säulen darauf gesetzt. Ein Teil des Geländes an der Lagune ist mit hohen Mauern umgeben. Wütende Hunde hinter der Mauer bellen uns an und zeigen ihre spitzen Zähne.


San Juan Tela und Triunfo de la Cruz, 5. und 6. August

Mo., 8. Aug. 22, 7:12 Uhr
Delegationsbericht 1
Nach einer rund 24stündigen Reise landen wir auf dem Flughafen von San Pedro Sula im Norden von Honduras und werden von einem Abgesandten von OFRANEH in Empfang genommen, der uns an die erste Station unserer Reise, die Bucht von Tela bringt. Dort liegen, westlich und östlich der Stadt Tela verschiedene Garífuna-Gemeinden, Triunfo de la Cruz, San Juan, Tornabé und Barra Vieja.

In San Juan werden wir bereits erwartet und direkt, noch bevor wir unsere Rucksäcke ausladen können, zur Begleitung einer kleinen Protestaktion eingeladen. Etwas müde aber gespannt fahren wir an den Ort des Protests. Hier erwarten uns einige Gemeindemitglieder, die Jüngste von ihnen ist sieben, der Älteste 72 Jahre. Es geht um einen Neubau auf dem angestammten Land der Garífuna-Gemeinde. Um darauf aufmerksam zu machen, wurde vor dem Haus ein Autoreifen in Brand gesetzt. Schnell machen wir unsere Aufnahmegerät und Kameras bereit und begeben uns mit der Gruppe von Protestierenden auf einen Rundgang. Denn der Ort des Protests ist bei weitem nicht das einzige Neubauprojekt auf den Territorien der Garífuna-Gemeinde.



                                            © HondurasDelegation
                                            © HondurasDelegation

An einem Arm der Lagune Los Micos steht eine ganze Siedlung von luxuriösen Ferienhäusern und auch hier wird offensichtlich weiter gebaut. Gleich hinter der Einfahrt sehen wir eine frisch mit Sand verfüllte Fläche, wo ein Teil der Lagune zugeschüttet wurde, dahinter außerdem zerstörte Mangroven. Offensichtlich illegale Aktivitäten, da die Lagune zu einem nach der RAMSAR-Konvention geschützten Feuchtgebiet gehört. Ein Stück weiter kommen wir an einem zum Verkauf stehenden Grundstück vorbei, das ebenfalls der Lagune abgerungen wurde.

Der Konflikt um das Gebiet der Garífuna-Gemeinde San Juan besteht schon seit sehr langen Jahren, die hier seit 1901 angesiedelten Garífuna erhielten von der honduranischen Regierung nur für einen kleinen Teil der angestammten Territorien Landtitel. Der Fall der Gemeinde San Juan ist mittlerweile vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte angenommen worden, doch das Urteil dazu steht noch aus. Einer derjenigen, die seit langem für die Territorien der Gemeinden streitet, ist Wilfredo Guerrerro, ein 72-jähriger Herr, der schon mit zahlreichen Angriffen zu tun hatte, unter anderem wurde sein Haus angezündet. Heute ruft er der Gruppe immer wieder zu: „Seit ihr etwa müde?“, woraufhin ein kollektives „Nein“ zurückkommt. Wir antworten verlegen: „Ein bisschen vielleicht“. Wir einigen uns, dass morgen auch noch ein Tag ist und lassen den Tag unter Kokospalmen am Meer ausklingen.

Für den folgenden Morgen war vereinbart, dass wir um acht Uhr morgens an unserer Unterkunft abgeholt werden, doch schon als wir unser Frühstückslokal verlassen, werden wir gesucht. Dort, wo gestern protestiert wurde, würde heute weitergebaut und wir sollten schnell mitkommen. Wieder werfen wir hektisch das Nötigste in unsere Rucksäcke und brechen auf zur Baustelle, wo die Kämpfer*innen für die Landrechte der Garífuna bereits gegenüber versammelt sind. Doch zu unserem Erstaunen haben sie die Bauarbeiter bereits überzeugt, für heute ihre Arbeiten abzubrechen.

Weiter geht es zu unserem eigentlichen Tagesziel für heute, der Gemeinde Triunfo de la Cruz östlich der Stadt Tela. Wir halten am neu gebauten traditionellen Gesundheitszentrum, der „Casa de Salud Ancestral“. In zwei großen Töpfen dampft ein Sud aus Kräutern. Ein Tee aus traditionellen Heilkräutern soll das Immunsystem stärken. In der Covid19-Pandemie begannen die Gesundheitszentren in verschiedenen Gemeinden, diesen Tee zu verteilen. Denn einen Zugang zu medizinischer Versorgung gab und gibt es so gut wie nicht, die Gemeinden mussten sich selbst vor schweren Erkrankungen schützen. Insgesamt geht es in den traditionellen Gesundheitszentren darum, das Wissen über Heilkräuter und traditionelle Heilverfahren an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Wir haben die Gelegenheit sowohl mit Heilkundigen älteren Frauen als auch mit ihren noch jugendlichen Schülerinnen zu sprechen.


© HondurasDelegation
Nach dem Besuch im Gesundheitszentrum begeben wir uns auf eine Rundfahrt durch die Gemeinde. Wie San Juan Tela hat auch Triunfo mit gemeindefremden Personen zu kämpfen, die sich Grundstücke innerhalb ihres kollektiven Landtitels angeeignet haben. Auf der einen Seite der Gemeinde fahren wir an luxuriösen Villen vorbei und uns wird berichtet, dass viele davon mächtigen Politiker*innen gehören.

Am anderen Ende der Gemeinde wiederum befinden sich Grundstücke in den Händen von Drogenkartellen wie den „Cachiros“. Deren Präsenz hat dazu geführt, dass Gemeindemitglieder sich in diesem Gebiet nicht mehr trauen, ihre Felder zu kultivieren, weil sie Überfälle befürchten.
Mural für die Verschwundenen Aktivist*innen,
© HondurasDelegation

Wir sprechen auch über das gewaltsame Verschwinden von vier jungen Männern vor zwei Jahren das nach wie vor nicht aufgeklärt ist, weder wurden die Verschwundenen noch die Täter gefunden, OFRANEH fordert vom honduranischen Staat weiterhin Aufklärung. Unsere Gesprächspartner erzählen, wie sie an jenem Morgen versucht hatten, die Autos der schwerbewaffneten Entführer aufzuhalten, indem sie die Straße mit Steinen blockierten, aber letztendlich konnten sie gegen die Übermacht der Bewaffneten nichts ausrichten. Sie erzählen uns von den psychischen Folgen für die Familien der Verschwundenen genauso wie von ihrer Überzeugung, sich trotz der anhaltenden Gefahr weiter für die Landrechte der Gemeinde einzusetzen.

Delegationsreise an die Nordküste von Honduras auf Einladung von OFRANEH

So., 7. Aug. 22, 12:19 Uhr

„Der Reichtum der Garífuna ist das Land, das Meer, das Wasser. Wir haben nie irgendwelche Unternehmen gebraucht, um uns selbst zu erhalten.“ (Aurelia Arzú)
Delegationsreise an die Nordküste von Honduras auf Einladung von OFRANEH
Berichterstattung ist ein wichtiger
Bestandteil jeder unserer Delegaionsreisen

Jetzt werden wir an dieser Stelle „Buiti binafi“ (Buenos días, guten Tag) sagen, denn im August reist eine kleine Gruppe von Menschenrechtsbeobachter*innen und Journalist*innen an die Atlantikküste des zentralamerikanischen Landes. Drei Wochen lang dürfen wir dort bei der afro-indigenen Organisation OFRANEH (Organización Fraternal Negra de Honduras) in verschiedenen Garífuna-Gemeinden verbringen. 
Wir wollen die aktuellen Kämpfe und die Kultur dieser massiv bedrohten afroindigenen Gemeinschaften näher kennenlernen, darunter die Centros de Salud Ancestral, die traditionellen Gesundheitszentren. Sie orientieren sich an den überlieferten Heilmethoden der Garífuna und tragen vor allem durch Prävention und Stärkung des Immunsystems viel zur Bewältigung der COVID-Pandemie bei. Auf dem Plan stehen auch Begegnungen mit der LGBTIQ+-Community der Garífuna. Die Ältestenräte der Garífuna-Gemeinden haben deren Wertschätzung und Schutz unlängst als eines der vordringlichen Ziele für die Arbeit von OFRANEH bestimmt. Und natürlich freuen wir uns sehr, einem seit Jahren gehegten Wunsch endlich näher zu kommen: einem mehrtägigen Aufenthalt in der neugegründeten Garífuna-Gemeinde Faya (Vallecito). (mehr Infos, siehe ein Artikel aus 2019: https://www.oeku-buero.de/sendungen/articles/unsere-gesamte-umwelt-ist-in-gefahr.html)
Wo vor der Rückeroberung durch die Garífuna Drogenflugzeuge landeten und Rinderherden grasten, sind inzwischen etwas über 100 Hektar (150 manzanas) Land mit alten Sorten von Kokospalmen bepflanzt. 
Die Reise ist die fünfte ihrer Art seit der Gründung unseres Netzwerks HondurasDelegation im Jahr 2010. Über unsere Erlebnisse und Eindrücke von den einzelnen Etappen werden wir wieder regelmäßig in unserem Blog https://hondurasdelegation.blogspot.com/ berichten. 
Schauen Sie/schaut gerne immer mal rein!

Todesschwadrone in Honduras weiter aktiv

Di., 19. Jul. 22, 12:29 Uhr

Sohn des Ex-Präsidenten Lobo getötet. Trotz sinkender Mordrate im Land wird Kritik laut, dass staatliche Sicherheitspläne fehlen. Linksregierung mit Strukturen des alten "Narcostaates" konfrontiert

Von  amerika21Polizeichef Sánchez erklärte, dass die Täter zur kriminellen Gruppierung MS-13 gehören Quelle: @MELVINPAGUADA13
Tegucigalpa. Der Polizeichef von Honduras, Gustavo Sánchez, hat informiert, dass hinter dem Massaker vom Donnerstagmorgen, bei dem neben dem Sohn von Ex-Präsident Porfirio Lobo (2010-2014) drei weitere Menschen getötet wurden, die kriminelle Gruppierung MS-13 steht. Dies hätten umfangreiche Ermittlungen ergeben.

Ziel des Anschlages sei der Sohn des ehemaligen Präsidenten gewesen. Neben Said Lobo Bonilla gehören zu den Opfern Luis Zelaya, Neffe des ehemaligen Generals Romeo Vásquez, Norlan Enrique Rodríguez, Chauffeur von Lobo Bonilla und Salomón Velásquez.

Unter den sechs festgenommenen Tatverdächtigen ist ein Polizist, weitere fünf Personen seien identifiziert. Die Hintergründe des Verbrechens sind bisher nicht bekannt.


Die Überwachungskameras eines Gebäudekomplexes in einer belebten Ausgehmeile der Hauptstadt hielten die Tat fest. Die Aufnahme zeigt, wie der Ausgang von einem schwarzen Pick-Up blockiert wird und fünf schwer bewaffnete, maskierte Personen in kugelsicheren Polizeiwesten in die Garage stürmen. Sie zerren die Insassen eines Autos heraus und stellen sie mit erhobenen Händen an die Wand. Zwei weitere Personen eines dahinter wartenden Autos werden ebenfalls dazu gestellt. Die Maskierten eröffnen das Feuer und fliehen anschließend. Die gesamte Aktion dauert nur wenige Minuten.

Politische Beobachter:innen in Honduras sprechen hinter vorgehaltener Hand davon, dass die Exekution der vier jungen Männer eine Botschaft des in den USA wegen Drogenhandels angeklagten Ex-Präsidenten Juan Orlando Hernández (2014-2022) an alle diejenigen sein könnte, die sein System des vom organisierten Verbrechen kooptierten Staates aushebeln wollten.

Die Vizeministerin für Sicherheit, Julissa Villanueva, zeigt sich überzeugt, dass es sich um eine sorgfältig geplante, zielgerichtete Tat handelte. "Es ist offensichtlich, dass die Aktionen krimineller Gruppen darauf abzielen, die Bevölkerung ins Chaos zu stürzen und das gesamte Sicherheitssystem zu destabilisieren. Wir haben zweifellos ein Problem geerbt, das man als Narcostaat bezeichnet", so Villanueva weiter.

Die honduranische Kriminologin Wendy Fúnes wies in diesem Kontext darauf hin, dass aktuelle Studien der Plattform Reporteros de Investigación zu dem Schluss kommen, dass im Land von der früheren Regierung Hernández autorisierte Todesschwadronen weiter aktiv sind. Diese bewaffneten Gruppen agierten, so Fúnes, in Absprache mit der Anti-Banden-Polizei FNAMP und der Militärpolizei.

Der Menschenrechtsanwalt Joaquin Mejía äußerte gegenüber amerika21, dass die Regierung von Xiomara Castro seit der Übernahme der Regierungsgeschäfte bisher noch keinen Sicherheitsplan entwickelt habe. David Chávez, Oppositionsführer der Nationalen Partei, fordert ein hartes Durchgreifen und Präsenz des Militärs in der Öffentlichkeit: "Es kann nicht sein, dass wir heute das Militär in den Kasernen haben. Früher hat die Militärpolizei für Sicherheit auf den Märkten und anderswo gesorgt".

Noch am Tag des Massakers veröffentlichte die nationale Polizei Zahlen, die belegen sollen, dass die Mordrate im Vergleich zum Vorjahr um drei Punkte gesunken sei. Lag diese im Jahr 2021 noch bei 42 pro 100.000 Einwohner:innen, so könnten sie mit den aktuellen Schätzungen bei ungefähr 36 pro 100.000 Einwohner:innen liegen.

Die Familie des Ex-Präsidenten Lobo ist nicht das erste Mal Gegenstand des öffentlichen Interesses. Lobos Bruder Ramón wurde in einem Prozess des New Yorker Bundesgerichts von dem verurteilen Drogenboss des Los Cachiros-Kartells erwähnt, darüber hinaus habe er öffentliche Gelder veruntreut. Fabio Lobo, ein weiterer Sohn des ehemaligen Präsidenten wurde 2017 in den USA wegen Drogenhandels zu 24 Jahren Haft verurteilt und Rosa Elena Bonilla de Lobo, ehemalige First Lady, sitzt seit 2018 wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder in Honduras in Haft.


Unternehmer machen Druck für weitere Deregulierung des Arbeitsmarktes

Mo., 18. Jul. 22, 10:18 Uhr
Von  Übersetzung:  amerika21"Freies Unternehmen bedeutet Zukunft": Twitter-Headerbild von Cohep QUELLE: CONEP
Tegucigalpa. Die Arbeitgebervereinigung von Honduras drängt auf ein neues Gesetz und eine Reform des Arbeitsrechts. Ende April hob der honduranische Kongress das umstrittene Gesetz über stundenweise Beschäftigung auf, das jahrelang die Deregulierung des Arbeitsmarktes verschärft und die prekäre Situation für Arbeitnehmer:innen geschaffen hat. Nun machen Unternehmer Druck, um zu den gleichen Bedingungen zurückzukehren.

Der Vorschlag, den der Honduranische Rat für Privatunternehmen (Cohep) kürzlich der Regierung vorgelegt hat, wird von der Gewerkschaftsbewegung heftig kritisiert. "Dieses Teilzeitbeschäftigungsgesetz vertieft die Lohnsklaverei weiter. Das Konzept der 'Teilzeitarbeit' wird praktisch dazu benutzt, um die Abschaffung unbefristeter Verträge für dauerhafte und kontinuierliche Arbeit zu verdecken", sagte der bekannte Gewerkschafter Carlos H. Reyes gegenüber Medien.

"Wenn das Gesetz so verabschiedet wird, wird das Arbeitsgesetzbuch praktisch außer Kraft gesetzt. Es ist sogar noch schlimmer als das über die stundenweise Beschäftigung, das wir im April abgeschafft haben", fügte er hinzu.

Sowohl die Privatwirtschaft als auch die konservativsten Teile der Politik befürworten den Cohep-Vorschlag unter dem Vorwand der Schaffung von mehr Arbeitsplätzen und der "Behebung des Schadens", der durch die Abschaffung des Gesetzes über die stundenweise Beschäftigung entstanden sei. "Wie kann man auf Kosten der Arbeitnehmerrechte mehr Arbeitsplätze schaffen?", fragte Reyes. "Mit diesem Gesetz werden sie mehr soziale Konflikte und mehr Migration verursachen."

Milton Benítez, beratender Minister von Präsidentin Xiomara Castro für Kommunikation und Strategie, drückt sich noch drastischer aus: "Es ist ein Akt der Psychopathie seitens der Unternehmer, mit dem die konservativen und rückschrittlichen Oligarchien dieses Landes den Arbeitsterrorismus durchsetzen wollen. Sie wollen den Arbeitnehmern ihre festen Löhne wegnehmen und damit die Deregulierung der Arbeit, die Armut und die Ungleichheit verschärfen."

In einem Dokument, das den von den traditionellen Parteien unterstützten Cohep-Vorschlag analysiert, warnen die Gewerkschaftsverbände, dass das neue Gesetz die Arbeitnehmerrechte abbauen soll: "Die individuellen Arbeitsverträge, die im Rahmen dieser neuen Teilzeitform im Bereich aller Wirtschaftstätigkeiten, einschließlich ständiger und kontinuierlicher Arbeit, abgeschlossen werden, können auf unbestimmte Zeit geschlossen werden (...), jedoch nur mit den im neuen Gesetz vorgesehenen Rechten", heißt es. Auf diese Weise würde der Arbeitsmarkt noch weiter dereguliert werden als mit dem bisherigen Arbeitsrecht und der Auslagerung von fester und kontinuierlicher Arbeit, heißt es darin.

Für die Gewerkschaftsbewegung würde die Verabschiedung dieses Teilzeitarbeitsgesetzes bedeuten, dass der Weg für mehr Arbeitsplatzunsicherheit, mehr Arbeitsauslagerung und flexiblere Entlassungen frei gemacht und dem Recht auf gewerkschaftliche Vertretung und dem Recht auf Tarifverhandlungen ein schwerer Schlag versetzt wird.

rel-uita